Zeitung Heute : MEIN GARTEN EDEN: Die Fensterbank

Zu schmale Fensterbretter sind ein Ärgernis, findet unsere Autorin. Wo sonst kann man dem Nachwuchs so schön beim Großwerden zusehen?

Ursula Friedrich

Früher war, wie wir etwas Älteren wissen, nicht alles, aber vieles besser. Zum Beispiel die Fensterbretter, die waren breiter, jedenfalls in der Wohnung meiner Großmutter und in der Bauernküche meiner Tante. Es gab in dieser Küche kein fließendes Wasser und keinen Ausguss. Es gab auch keinen elektrischen Herd, sondern einen mit Holzfeuer und eisernen Plattenringen, und es gab keine Zentralheizung, nur einen runden Ofen, der mit Sägespänen beheizt wurde. Aber die Fensterbretter waren breiter.

Nur Grün-feindliche Menschen können fragen, wieso Fensterbretter breit sein müssen. Ganz klar: Weil man Blumentöpfe darauf stellen kann. Im Winter sogar Pflanzschalen und kleine Anzuchttöpfchen. Es existierten damals noch keine Gartencenter, wo man vorgetriebene Pflänzchen kaufen konnte. Oma und Tante zogen sich ihre Pflanzen selber, und zwar am Fenster, wenn es im Garten noch bitterkalt war. Da standen die Gefäße bunt durcheinander, anfangs noch mit nichts drin als glatter schwarzer Erde und kleinen, mit einem Zahnstocher befestigten Zetteln, auf denen „Buschb.“ stand, „Tom.“, „Sal.“ oder „Rett.“ Auf einmal krochen kleine grüne Spitzen ans Licht. Es hat mich immer fasziniert, wie die Winzigkeiten Fortschritte machten, in Millimetern messbar.

Sobald die Tage ein bisschen wärmer wurden, kamen die Sprösslinge in einen Glaskasten im Garten, bei der Tante. Die Großmutter hatte den Glaskasten auf ihrem Küchenbalkon. Bei Frost wurden die Kästen mit alten Bettdecken zugedeckt. Beide hatten immer den allerersten Salat. Bei der Oma wuchsen die Bohnen das Balkongitter hinauf, bei der Tante kriegten sie lange Stöcke ins Beet.

Also, ich habe keine geeigneten Fenstersimse. Seit es mir einmal gelungen ist, aus dem winzigen schwarzen Samen eines Blasenstrauchs in einem kleinen Topf ein junges Sträuchlein zu ziehen und dann an den Zaun zu setzen, bin ich geradezu verrückt nach den kleinen Töpfen. Sie stehen am Küchenfenster unter meiner strengen Aufsicht. Manche keimen, manche nicht. Ich säe, ich schneide Zweigspitzen von Buchs, Kletterrosen und setze sie in feuchte Erde. Ich keime Dahlien in Sandkistchen vor. Die Triebspitzen von abgeblühten Geranien stelle ich in Gläser, deren Wasser niemals gewechselt, nur lauwarm nachgefüllt wird. Sieht etwas unappetitlich aus mit der Zeit, aber durch das Glas sieht man die Entstehung kleiner Würzelchen. Sind sie länger als zwei Zentimeter, werden die Stecklinge in ein bequemes Töpfchen versetzt, immer wieder in ein größeres, bis sie im Mai an die Freiluft dürfen. Auf diese Weise habe ich schneller blühende Geranien, als wenn ich die alten Stöcke zurückschneiden und im Keller über den Winter bringen würde.

Auf dem Schlafzimmerfensterbrett bringe ich meine Kakteen- und Sukkulentenbabys unter. Alles ist voll, weil nicht viele Platz haben auf den schmalen… Aber ich will mich nicht ständig wiederholen. Nur noch mein Wohnzimmer ist stecklingsfrei, es ist dort zu warm. Außerdem habe ich schließlich auch noch erwachsene Zierpflanzen zu versorgen.

Ich gebe zu, die Anzuchtanlagen sehen nicht sehr vorteilhaft aus. Man kann auch die Fenster der betroffenen Räume den Winter über nicht putzen. Aber ich putze sowieso nicht gerne Fenster. Und vielleicht verliert sich mein Zuchteifer auch mal wieder. Er wird nämlich nicht immer mit Erfolg belohnt. Aber zwei Salatköpfe sind mir schon gelungen. Und drei Rettiche. Und, wie erwähnt, der Blasenstrauch.

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