Mein Garten EDEN : Die Fichte mit Flitter behängt

Ursula FriedrichD

Weihnachten sind mir wieder einige Erinnerungen gekommen. Daran zum Beispiel, dass Familien mit Kindern und Hunden manchmal ihre eigene Christbaumkultur entwickeln. Einmal habe ich an Weihnachten eine Familie mit zehn Kindern in Münster besucht. Sie hatten den Standort Wohnzimmer hinaus in den Garten verlegt, nachdem sie mehrmals in der Heiligen Nacht per Notarzt ins Krankenhaus fahren mussten: Eines von den Kleinen hatte in die Glaskugeln gebissen.

Am besten gefiel mit der Baum eines Cousins, der nach langem Südamerika-Aufenthalt zum ersten Mal wieder in München feierte. Er graste sämtliche Blumenläden auf der Suche nach etwas Palmenartigen ab. Nach etwas mit vielen Flederwisch-Zweigen, an denen man den Schmuck malerisch anbringen konnte. Nur die Kerzen waren zu schwer, aber an Kerzen lag ihm ohnehin nichts.

Unser schönster Christbaum stammte aus dem eigenen Garten, wo er zu groß und voluminös geworden war. Eine Fichte, zwei Meter hoch, die sofort, als wir sie ins Zimmer stellten, grüne Spitzen ansetzte. Es war der einzige Christbaum, den ich nach den Heiligen Drei Königen nicht entsorgte, weil er keine einzige Nadel verlor, sondern frisch ergrünte. Er tat mir so leid, erst Ende Januar brachte ich es übers Herz, ihn aus meinem Leben zu verstoßen. Das mache ich nie wieder, einen Baum aus dem Garten, der einem gefühlsmäßig nahe steht, mit Flitter zu behängen und dann rauszuschmeißen.

Ein einziges Mal brannte bei uns der Christbaum. Nach langer, langer Zeit kam jetzt wieder dieses Fest in den Sinn. Wir sollten uns vielleicht alle mal dran erinnern – an diesen trostlosen Heiligen Abend, an dem es überall in den Straßen dunkel war. In unserem früher zentralbeheizten Haus wärmte ein einziger dürftiger Kanonenofen. Der Baum war aus einem Bombenloch im Wald herausgeschleudert worden, etwas zerzaust, aber immerhin. Die Kerzen hatten wir aus Stummeln der letzten Jahre selbst gegossen und dabei vielleicht einen Fehler gemacht. Die Flammen schlugen so merkwürdig hoch. Aus dem Radio kamen Weihnachtslieder der nationalsozialistischen Art: „Hohe Nacht der klaren Sterne“, ohne den göttlichen Knaben.

Plötzlich bliesen die Fanfaren: die Ardennenoffensive wurde von Joseph Goebbels verkündet, das Weihnachtsgeschenk unserer tapferen Soldaten an den Führer. Und im selben Moment fing der Baum zu brennen an. Mein Vater, ein tapferer Soldat auf Urlaub, riss ihn an sich und stürzte mit ihm ins Freie. Als er später mit verbundenen Händen wieder bei uns saß und das Radio immer noch von der Ardennenoffensive erzählte, sagte er bloß: „Die haben doch höchstens für 20 Kilometer Benzin.“ Und so war es ja auch. Ursula Friedrich

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