Mein Garten EDEN : Die große Stille von draußen

Ursula Friedrich

Die letzte Adresse meiner Eltern war Birkenallee Nr. 174, Hauptfriedhof Stuttgart. Die Allee hieß so, weil rechts und links hinter den Gräbern Birken standen. Sie heißt immer noch so, obwohl die Birken abgesägt sind. Die Grabbesitzer hatten sich über die Verschmutzer ihrer Gräber bei der Verwaltung beschwert. Jetzt ist es eine Birkenallee ohne Birken, stattdessen mit Thujon.

Es ist wahr: Birken schmutzen. Im Frühjahr nicht, da sind sie mit ihren zarten, grünen Blättern und niedlichen gelben Kätzchen sehr beliebt. Aber recht bald nach Ostern werden die Kätzchen zu braunen trockenen Würsten, die sich ziemlich hartnäckig nach dem Herunterfallen auf der Erde festklammern. Im Sommer dann sind sie einfach nur grün, wenn bloß die Rinde nicht wäre. Je nach Baumsorte schält sie sich in großen Fetzen ab und fliegt übers Gelände wie weißer Papiermüll. Gut, dann kommen die goldenen Blätter im Herbst, und wo die beim Absterben hinfallen, wächst kein Gras mehr. Im Winter krümeln die Birken auch irgendwas Schwarzes über den sauberen Schnee. Außerdem stürzen ständig so kleine Ästchen ab. Und jetzt stehe ich da und sage, dass Birken meine liebsten Bäume sind.

Verliebt habe ich mich in sie auf einer Eisenbahnfahrt von Berlin nach Moskau im Dezember. Vor dem Zugfenster streckte sich die endlose russische Weite mit Gruppen von Birken. Weiße filigrane Stämme auf weißem Schnee. Der Waggon ratterte, die Zugbegleiterin brachte uns heißen Tee aus dem Samowar. Die Abteile waren voll – und trotzdem kam von draußen eine große Stille herein. Überwältigende Lautlosigkeit. Wenn ich heute nervös bin, denke ich manchmal an dieses vorüberziehende Bild. Es beruhigt. Jedenfalls haben mein Mann und ich uns einen Birkendrilling vors Haus gesetzt. Drei zusammenhängende Stämmchen, weil eines für sich allein uns zu schwächlich erschien. Sie hatten schon als Kinder eine weiße Rinde, obwohl ihr Name „Betula nigra“, Schwarzbirke, war.

Inzwischen sind die drei weit über unser kleines Haus gewachsen. Nach einem Herbststurm letztes Jahr musste ich drohend aufs Dach überhängende Äste entfernen lassen. Billig war das nicht, ungefähr 400 Euro. Sie ufern halt gern ein bisschen aus, die Birken. Das gehört zu ihren Nachteilen. Aber woher sonst käme das goldene Strahlen vor meinem Schlafzimmer jetzt im Herbst? Und wer würde das Zimmer im Sommer kühlen? Birken sind Flachwurzler und Starkzehrer. Das heißt, man braucht unter Birken keinen englischen Rasen erwarten. Auch gewöhnliches Gras wächst schlecht, umso üppiger Moose. Die sind gut für die Schneeglöckchen, für Krokusse weniger, für Rosen gar nicht. Ich möchte, dass es diesen Winter mal wieder schneit – damit ich mich an weiße Birken im Schnee erinnern kann. Ursula Friedrich

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