Zeitung Heute : MEIN GARTEN EDEN: Die Herbstzeitlose

Sie kann einem gefährlich werden, und jedes Jahr überlegt unsere Autorin, ob sie sich von dieser Pflanze trennen sollte. Sie tut es nicht.

Ursula Friedrich

Ich habe sie nicht ausgesät und nicht angepflanzt. Ganz von selbst war sie eines Tages da – die Herbstzeitlose. In einem vernachlässigten Garteneck fing sie eines Septembertgags zwischen Efeu und Unkraut zu blühen an. Im ersten Jahr waren es drei, vier Blütenstängel, zartlila und schmächtig. Im zweiten Jahr hatte sich ihre Anzahl schon verdoppelt. Heute bilden sie ein rosenfarbenes Polster an einer Stelle, an der sonst nichts mehr blüht. Ich hatte einmal die Gicht, seither weiß ich, dass Colchicum (so heißt die Herbstzeitlose auf Lateinisch) das einzige wirksame Mittel gegen die Schmerzen ist.

Die trompetenförmigen Blüten erinnern daran, dass der Sommer vorbei ist. Merkwürdig schutzlos stehen sie da, ohne grüne Blätter, auf dünnen Stängeln schwankend, in der Morgenkühle zitternd. Der Regen wäscht sie eines Tages weg. Die fleischigen, tiefgrünen Blätter sind erst im Frühjahr zu erblicken. Aus den Zwiebeln treibend sitzen sie tief in der Erde und vertragen den ganzen Winter über scharfe Kälte.

„Winterhart und anspruchslos“ nennt sie das Pflanzenlexikon. Man darf sie im Frühjahr nicht mit den aromatischen Blättern des sehr ähnlichen Bärlauchs verwechseln. Sie sind etwas härter und riechen nicht nach Knoblauch – das ist der wesentliche Unterschied. Zurzeit der Blüte könnte man die Herbstzeitlose auch für einen Krokus halten. Der Unterschied ist ebenfalls gering: Er besteht in der Anzahl der Staubgefäße – Herbstzeitlose besitzen sechs, Krokusse nur drei. Da alle Teile der Herbstzeitlosen äußerst giftig sind, ist es gut, auf diese kleinen Abweichungen zu achten.

Von alters her nennt man diese Blume auch nackte Jungfer, nackte Hure, Spinnblume. Klingt alles nicht so nett. Viele unheimliche Geschichten ranken sich denn auch um sie. Die Herbstzeitlose diente zur Abtreibung unerwünschter Kinder und zur Tötung unerwünschter Schwiegereltern. „Wenn jemand die Zwiebel genießt, so zieht es ihm die Kehle zusammen, der Speichel rinnt, es erfolgt starker brennender Harnreiz, Brennen im Magen, Kopfschmerz, Schluchzen, Durst, Durchfall“, warnt das 1840 in Weimar erschienene „Vollständige Giftbuch“. „Der Genuss der Blume ist sehr scharfschmeckend und bringt Ermattung und Bauchschmerzen.“

Und sowas steht in meinem Garten! Gefährlich auch für Tiere! Nun habe ich aber immer Hunde gehabt, und sie haben nie an Herbstzeitlosen geknabbert. Vielleicht liegt das daran, dass sie bei aller Schönheit in ihrem Erscheinungsbild einen Stich ins Gefährliche haben. Vielleicht ist es die fahle Farbe, die auch die Kühe auf der Weide einen Bogen um sie machen lässt.

Ich überlegte in jedem Herbst, ob ich sie nicht endgültig aussteche. Und etwas anderes hinpflanze. Vielleicht Maiglöckchen? Die sind ebenfalls giftig. Oder Seidelbast, einen Schneeball, Goldregen? Ach, alles genauso giftig. Und ich möchte auch keinen Frühlingsblüher da hin haben, sondern einen Herbstblüher, einen, der mit zarten hinfälligen Blüten an den Herbst erinnert, mit dem melancholischen Blasslila den Reigen der kalten Tage noch ein wenig aufhält, ein feines Memento mori in den Herbstnebel zaubert. Ich bin traurig wie jedes Jahr und hole meine Wollpullover aus der Reinigung. Bald wird es schneien…

Nächste Woche: Die Apfelernte

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