Mein Garten EDEN : Die Invasion der Maikäfer

Ursula Friedrich

Ein unter dem Namen Melolontha vulgaris unbekanntes Tier droht uns zu überfallen. So stand es in der Zeitung. Erhebliche Schäden sind zu erwarten. 1864 gab es so was schon mal, wie der Zoologe Alfred Brehm berichtet, der Maikäfer sei in solchen Massen aufgetreten, „dass der Erdboden übersät war von den kleinen Löchern, aus denen es gekrochen war“. Ein Wunder, dass die Menschen in Mitteleuropa überlebt haben.

Ein inzwischen selten gewordenes Tier. Aber man darf sich nicht täuschen lassen. In Hessen, Westfalen und Thüringen soll es wieder aufgetaucht sein, quasi aus dem Nichts aus kleinen Erdlöchern, in denen es lange Zeit verschwunden war.

Auch ich habe persönlich acht Maikäfer in meinem Garten gefunden. Einfach so im Gras. Meine Nachbarin hat mir ebenfalls vier Stück in einem Glas gezeigt. Ich habe mich sofort an meine Kindheit erinnert, in der es im Frühsommer viele Maikäfer gab, aber nicht so viele, dass sie für uns Kinder nicht eine wertvolle Beute gewesen wären. Vor Schulbeginn, im Morgentau, schüttelten wir die Fliederbüsche. Die Tiere fielen herab, wir taten sie in kleine Schächtelchen mit Fliederblättern, stachen Luftlöcher in die Deckel und verglichen auf den Klassenbänken, wer mehr Maikäfermänner und wer mehr Weibchen hatte. Die Männer hatten größere buschige Fühler und waren irgendwie wertvoller. Wir hatten einen in der Klasse, der fraß Maikäfer bei lebendigem Leib, das Stück für zehn Pfennig. Ich höre heute noch das Krachen zwischen seinen Zähnen. Er behauptete, sie schmeckten ganz gut. Die Hühner fraßen sie ja auch gern.

Ich ließ meine wieder fliegen, ich fand es toll, wie sie mit ihren braunen Flügeln vor dem Start die Luft pumpten. Der Maikäfer ist schließlich der schönste Käfer überhaupt. Und man muss bedenken, wie lange er als ekliger Wurm tief in der Erde lebt, bevor er als Käfer an die Oberfläche kommt. Woher wir als Kinder wussten, dass er am liebsten junge Blätter, vor allem vom Flieder mag, ist mir nicht bekannt. Aber der seltsame Geruch aus welken Blättern und Käferausdünstungen ist mir gegenwärtig. In „Max und Moritz“ verstecken die beiden bösen Buben Maikäfer in Onkel Fritzens Bett. Sie kriechen ritze ratze aus der Matratze, und Onkel Fritz in seiner Not haut und trampelt alle tot.

Der Maikäfer lebt nicht mal ganz einen Sommer lang. Dann verlieben sich zwei Käfer, das Weibchen mit den kurzen Fühlern legt Eier in die lockere Erde, und dann sterben sie beide. Aus den Eiern werden Engerlinge. Wenn es im ersten Winter kalt wird, graben sie sich tiefer in die Erde, wenn es im zweiten Winter kalt wird, noch tiefer, immer tiefer. Erst im Frühsommer nach dem dritten Winter krabbeln sie endlich an die frische Luft. Arme Maikäfer. Ich würde mir wirklich wünschen, dass dieses Jahr ein richtiges Maikäferjahr würde. Ursula Friedrich

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