Mein Garten EDEN : Die schnellste Pflanze der Welt

Ursula Friedrich

Als wir unseren ersten Garten mit einer kleinen Terrasse hatten, stellte sich uns das wohl häufigste Problem aller neuer Gartenbesitzer: Wo nehmen wir den Sichtschutz her? Auf unserem bisherigen Mietbalkon saßen wir durch Markisen verdeckt hoch über der Straße, privat und ungesehen. Wenn wir jetzt auf der Terrasse Kaffee tranken, sagten Vorübergehende freundlich: „Ah, frischer Erdbeerkuchen, guten Appetit!“

Wir setzten gleich drei Birken nebeneinander, sieben Tannen, eine Thujenhecke, allerdings nur 50 Zentimeter hoch. Ein Freund empfahl uns ein Wundergewächs: Polygonum polystrata. Den Namen hatten wir noch nie gehört. Der Baumlehrer sah uns etwas merkwürdig an, aber er hatte in einem dunklen Winkel seines Terrains ein paar Setzlinge. Junge Knöteriche auf Deutsch. Der Zuname polystrata hätte uns warnen sollen. Vielstraßig oder so könnte man ihn übersetzen. Schon im ersten Sommer bildete der Knöterich den ersehnten Sichtschutz, anderthalb Meter hoch, mit dicht beblätterten saftigen Stängeln. Unauffällige dünne Blütentrauben. Im nächsten Jahr wuchs wie von Geisterhand die doppelte Menge, im übernächsten gut viermal so viel, und dann deckte der Knöterich mit Hilfe seiner unterirdischen Rhizome unsere kleinen Birken und die Tannen einfach zu. Es kostete uns viel Kraft, ihn wieder aus dem Garten zu vertreiben.

Man kann für den ähnlichen Effekt auch Bambus kaufen. Einige Sorten sind winterhart und verleihen unseren biederen Gärten ein asiatisches Flair. So besonders schön ist Bambus eigentlich nicht, aber er ist dicht und hoch und wächst senkrecht, das ist hierzulande ja beliebt. Er sieht ganz harmlos aus und wenn der Wind hindurch weht, ist es ein schönes Geräusch. Es werden ja auch Flöten aus seinen harten Stängeln gemacht.

Oberirdisch ist so ein Bambus idyllisch. Unterirdisch entwickelt er dieselben Höllenkräfte wie der Knöterich. Er vermehrt sich unendlich, in Nachbars Garten hinein und auf die Straße hinaus – es sei denn, man setzt jede Pflanze für sich in einen abgrenzenden Korb. Man sollte sich gut beraten lassen. Es gibt inzwischen auch „brave“ Sorten.

In seinen Heimatländern wächst der Bambus in 25 Meter hohen Wäldern. Das hohle harte Holz dient als Baumaterial für Häuser, Brücken, Rohrleitungen. Weil ein Bambus als schnellste Pflanze der Welt pro Tag 60 Zentimeter und mehr wachsen kann, liefert er, auch als Rohstoff für Viskose, reiche Ernten. Millionen von Menschen leben vom Bambus. Die jungen Sprosse sind auch essbar. Und in großen, jahrzehntelangen Abständen blüht er. Er blüht und stirbt, in unserem Garten, in Indien, überall. Gleichzeitig, auf einen geheimen Befehl, den zahlreiche Bambusforschungsstellen noch nicht entschlüsselt haben.Ursula Friedrich

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