Zeitung Heute : MEIN GARTEN EDEN: Die Seerose

Die Nymphe gab ihr den Namen. Und unsere Autorin freute sich schon auf das romantische Gewächs, aber irgendetwas ging schief

Ursula Friedrich

Es ist lange Zeit ein Traum von mir gewesen: ein kleiner Teich im Garten, oder noch besser ein runder, gemauerter Brunnen, auf dessen Rand man sich setzen kann wie die Goldmarie im Märchen und sein Spiegelbild auf der dunklen Wasserfläche betrachten. Und wenn man hineinfiele, wäre der Brunnen natürlich nicht so tief wie im Märchen, dass man ganz darin verschwindet, sondern höchstens 50 Zentimeter. Tief genug für eine Seerose, die darin schwämme und ihre flachen runden Blätter ausbreiten würde, auf denen vielleicht ein Frosch mit goldenen Augen säße.

Eines Tages kauften mein Mann und ich uns gegenseitig als Geburtstagsgeschenk ein großes, halbiertes Weinfass, 47,5 Zentimeter tief, aus alten schwarzen Eichendauben. Wir suchten einen besonders malerischen Platz unter dem Apfelbaum, füllten Teicherde ein, ganz nach Vorschrift, und anschließend Wasser. Wir warteten, bis sich alles gesetzt hatte und das Wasser schön warm war. Dann marschierten wir in ein nahe gelegenes Gartencenter. Nein, nicht in eine spezielle Wasserstaudengärtnerei, die hätte es auch gegeben, aber sie war ein bisschen weiter weg. Liebe Leserin, lieber Leser, Sie wissen ja längst, dass Geduld und planvolle Überlegung nicht meine Stärken sind, auch nicht die meines Mannes. Die Seerose pressierte, es war nämlich bereits Ende April.

Es gibt viele verschiedene Seerosen, die Auswahl war schwierig. Man musste sie nach den Abbildungen auf den Kärtchen treffen, die in jedem Wasserkäfig steckten. Die Seerosen selbst sahen irgendwie unhübsch aus, sie steckten in schwarzen Gittertöpfen und zeigten bloß Wurzeln und Stängelgewurschtel. Nymphaea Madame Wilfon Gonnère sah auf dem Bild rosarot aus, Blütendurchmesser etwa 15 Zentimeter, nicht zu groß also für unser Fass. Wir kauften zwei Stück.

Nymphaea ist ein wundervoller Name. Die Seerosen heißen so nach der griechischen Göttin Nymphe. Nymphe bedeutet ins Deutsche übersetzt Braut, junge Frau. Sie war die weibliche Naturgottheit der Antike. Singend und tanzend bevölkerten ihre Töchter, die Najaden, die Gewässer.

Täglich besuchte ich meine Nymphen unter dem inzwischen blühenden Apfelbaum. Man konnte sehen, dass sich etwas emporarbeitete im Wasser. Und tatsächlich erschienen eines Morgens zwei Knospen an der Oberfläche. Als sie sich entfalteten, zeigten sie das zarteste Rosa, das ich je gesehen hatte. Eine Libelle stellte sich ein. Allerdings kein Frosch. Wir waren glücklich, füllten hie und da abgestandenes Wasser nach. „Niemals kaltes, das versetzt ihnen einen unter Umständen tödlichen Schock“, las ich bei Vita Sackville-West, der berühmten englischen Gartenbesitzerin und Schriftstellerin. Klar, das leuchtet jedem Menschen ein. Nymphen dürfen nicht schockiert werden.

Langsam färbten sich die beiden Seerosen rot und sanken zurück in die Tiefe des Weinfasses. Ihre Früchte reifen unter Wasser, steht im botanischen Lexikon. So, und das war’s. Keine neuen Knospen mehr, infolgedessen keine schwimmenden Schönheiten in unserem Traumbrunnen. Die Najaden tanzten nicht. Wir waren schon enttäuscht. Im Herbst setzten wir sie in feuchten Sand und brachten sie in den Keller. Im Frühjahr setzten wir sie wieder aus. Nichts. Sie schliefen im Teich, vielleicht waren sie auch schon tot, ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, was wir falsch gemacht haben. Hätten wir doch in die Spezialgärtnerei gehen sollen? Eine traurige Geschichte.

Nächste Woche: Goldlack

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