Mein Garten EDEN : Die trauernde Gärtnerin

Ursula Friedrich

Mein Orangenbäumchen geht ein. Ich habe es vor vier Jahren von einer lieben Freundin geerbt, die nach Amerika ausgewandert ist. Es hing voller goldfarbener, ungefähr reneklodengroßer Früchte, war aber auch voller Schildläuse. Die saßen auf der Rinde und unter den Blättern. Ich bemerkte sie erst durch den zuckerartigen Glanz. Schildläuse sind gemein, sie bewegen sich nicht, sie verstecken sich unter bräunlichen Punkten.

Ich machte mir die Mühe, jede Laus einzeln wegzupflücken. Das dauerte Tage. Dann spülte ich die ganze Pflanze Stückchen um Stückchen mit einer sanften Prillösung ab. Das dauerte noch mal Tage. Danach liebte ich das Orangenbäumchen besonders herzlich. Es atmete sichtbar auf und bekam sogar viele Blüten zu den Früchten dazu. Nichts riecht besser als Orangenblüten. Nichts ist beglückender als die Bewunderung von Besuchern, die noch nie ein so schönes Orangenbäumchen gesehen haben. Ganz nach Fachliteratur-Anweisung stellte ich es an den sonnigsten Ort im Wohnzimmer, an warmen Tagen durfte es auf die Terrasse. Bienen kamen, aus den Blüten entwickelten sich grüne Knöpfchen – neue Orangen. Leider sehr bitter. Aber wunderschön anzusehen. Ach, mein Stolz.

Und nun, nach vier Jahren, musste ich mit ansehen, wie es kränkelte. Die grünen Blätter verblassten, bis auf die immer deutlicher sichtbaren Adern. Da fehlt Kalium, sagte ein Gärtner, den ich befragte. Ich kaufte kaliumreichen Dünger. Da fehlt Eisen, sagte ein Freund und riet mir, Eisennägel in die Erde zu stecken. Die Blätter wurden immer lebloser, wie Papier. Sie fielen ab, und die kleinen Orangen vom letzten Winter auch. Keine Laus weit und breit. Umtopfen half auch nicht. Heute Morgen, an einem strahlenden Sommertag, habe ich das Orangenbäumchen auf meinem Komposthaufen beerdigt. Todesursache unbekannt. Ich bin sehr traurig.

Aus einem ganz anderen Grund bin ich auch wütend – eine sehr, sehr wütende Gärtnerin, die beinahe fest dazu entschlossen ist, einen Grundsatzprozess gegen das Gartencenter zu führen, in dem ich im Frühjahr ein Sonderangebot von Gladiolenknollen erstanden habe. Wirklich sehr billig. Aber berechtigt das dazu, dass die Knollen nur halbmeterlange spitze Blätter treiben und keine Blütenansätze? Überall blühen Gladiolen, auf einem Feld in unserer Nähe die farbigste Pracht zum Selberpflücken. Dort sind sie bestimmt nicht so sorgfältig gedüngt und gegossen worden wie bei mir. Am Lattenzaun entlang, wo ich die schweren Stängel hätte festbinden können. Wenn sie da wären. Darf so was sein? Warum wird man als Mensch, der das Beste gibt, manchmal so enttäuscht? Ursula Friedrich

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