Mein Garten EDEN : Die Würde der Pflanzen

Ursula Friedrich

Vor Jahren war ich in einer Ausstellung von Joan Miró. Seine bunten Darstellungen hatten mir sehr gut gefallen, vor allem seine grotesken, witzigen Skulpturen. Ich kam nach Hause und beschloss, unseren Apfelbaum etwas oberhalb der Verästelung abzusägen und den Stamm und die Aststummel fröhlich zu bemalen. Dann hätten wir ein echtes Kunstwerk im Garten, erklärte ich meinem Mann. Er sagte bloß „Hm“. Es regnete ein paar Wochen, und ich stellte den Plan zurück. Mehr als „Hm“ sagte mein Mann übrigens nie zu dem Thema. Gott sei Dank steht der Apfelbaum heute noch, gerade jetzt in schönster Blüte.

Im Garten soll man Entscheidungen niemals spontan treffen. Im Winter will man den alten Fliederbusch beseitigen. Im Frühjahr sieht man im ehemaligen Prager Ghetto einen ganz alten verkrumpelten und dennoch tapfer blühenden Flieder. Oh, genau wie unserer, so bizarr und schön. Auch der Flieder ist in meinem Garten noch an seinem Platz. Je nach Jahreszeit neigt man zu schnellen Umgestaltungsplänen. Warum nicht einen Jasmin in der Modefarbe Weiß? Es ist gut eingerichtet, dass alle Veränderungen mit viel Arbeit verbunden sind, so dass sie dann letztlich doch nicht ausgeführt werden.

Die einzige Entscheidung, um die nicht herumzukommen ist: Wann mähe ich zum ersten Mal im Jahr den Rasen? Zunächst müssen die Schneeglöckchen und Krokusblätter gelb werden, das weiß doch jeder. Wenn sie gelb sind, leuchten daneben die lieben Gesichter unzähliger Gänseblümchen. Trotzdem, jetzt oder nie. In allen Nachbarsgärten brummen sie schon, die elektrischen oder mit teurem Benzin angetriebenen Maschinen. Also, die Gänseblümchen erholen sich ja erfahrungsgemäß wieder. Aber sind da nicht die emporkommenden Stängel der Margeriten? Wenn ich noch länger warte, wird alles noch schlimmer, weil dann auch Kuckuckslichtnelken und zart lilarosiges Wiesenschaumkraut erscheinen. Und Kleeblümchen.

Ja, aber gemäht werden muss. Ich rufe den Andi an, meine männliche Hilfskraft. Er wirft die Messer an, ich vergrabe mich vor dem Fernseher, und hinterher ist alles ziemlich kurz und grün. Ich könnte weinen.

Die Schweizer Ethikkommission für die Biotechnologie im Außerhumanen Bereich (EKAH) hat kürzlich in einem Verfassungsartikel geklärt: Pflanzen haben Würde, ihre grundlose Schädigung ist moralisch unzulässig. In der Schweiz also sind Pflanzen als würdige Lebewesen zu achten. Das ist mal was richtig Erfreuliches! Allerdings darf der Schweizer Bauer sie weiter als Futter mähen. Darf ich auch meinen kleinen Rasen, nur zum Zwecke des Kompostes oder zugunsten der Farbe Grün, absäbeln? Wäre der Gedanke auch mal bei uns als Verfassungsänderung denkbar?Ursula Friedrich

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