Mein Garten EDEN : Ein halbes Pfund Kröte in der Hand

Ursula Friedrich

Grottenhässlich nennt man in Schwaben Menschen oder Dinge, die so hässlich wie Kröten sind. Ich habe das Wort auch schon benützt – bis ich auf dem Fundament meines Kellerfensters ein Krötenpaar fand. Das ich vermutlich mitten im Liebesakt störte: Erschrocken sahen die beiden mich aus goldgelben Augen an, eine kleine Kröte saß auf dem Buckel einer wesentlich größeren. Das ist so bei Kröten, dass die Männchen kleiner sind. Und es ist so bei den Kröten, dass sie sich nach dem Winterschlaf aus dem Laub graben und den mitunter langen Weg zum nächsten Teich antreten.

In unserer Gegend überwintern die Kröten in den Isarauen. Von dort klettern sie dann mühsam einen Hang hinauf, durchhüpfen Gärten und Wege und leider auch die Bundesstraße, um an ihr Ziel zu gelangen. Dass das Liebespaar bei mir durchs Fenstergitter fiel, war ein Glück, denn die Straße ist eine Todesfalle. In manchen Jahren war sie übersät von plattgefahrenen Exemplaren. Seit einiger Zeit bemühen sich der Bund Naturschutz und viele Jugendliche, sie zu schützen. Kröten suchen immer wieder einen ihnen bekannten Teich auf. Deswegen werden kilometerlange Plastikzäune entlang den Böschungen gezogen. Dann können sie nicht weiter und werden am Abend oder nächsten Morgen in Eimern eingesammelt und über die Straße getragen.

Ich habe noch nie eine Kröte angefasst und musste mich richtig überwinden. Schön sind sie ja tatsächlich nicht, mit ihren vielen Warzen, der Erdfarbe und ihren fünffingrigen Pfoten. Aber meine beiden fühlten sich ganz trocken an und überraschend schwer. Ich hatte gut ein halbes Pfund Kröte in der Hand. Vielleicht saßen sie schon eine Weile auf dem Trockenen.

Kröten gehören zur Oberart der Lurche. Sie trinken nicht, nur durch ihre Haut nehmen sie Feuchtigkeit auf. Und nur, wenn sie aus dem Wasser kommen oder durch feuchtes Gras hüpfen, ist ihre Haut schlüpfrig. Sie sind Nachttiere, bei Tag bemerkt man sie kaum. Dabei wäre es gut, welche im Garten zu haben, weil sie sehr viel Ungeziefer verzehren.

Ich hielt sie in der Hand. Sie haben mich angesehen mit ihrem goldenen Blick, und auf einmal fand ich sie nicht mehr grottenhässlich. Die dünne Haut über ihren Kehlen blähte sich ängstlich. Keine Sorge, meine Lieben, ich transportiere euch zu eurem Weiher. Unterwegs ist mir noch eine einsame Kröte begegnet, die von ihrem Partner offenbar verlassen worden war. Ich nahm sie mit.

Kröten verständigen sich im Liebesrausch durch grunzende Töne. Jedes Weibchen legt ungefähr 1500 Eier an langen Fäden ins Wasser, lese ich bei Brehm. Daraus werden kleine schwarze Kaulquappen. Aber die Eltern kümmern sich nicht mehr um sie. Sie hüpfen an die Isar zurück. Vielleicht verirrt sich ja wieder ein Paar zu mir.Ursula Friedrich

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