Mein Garten EDEN : Entzückende Kakteenbabys

Ursula Friedrich

Als ich mal im Krankenhaus war, hatte ich eine Bettnachbarin, die auf dem Bauch lag. Sie lag schon mehr als sechs Monate auf dem Bauch, den Rückflug von Mexiko inklusive. Während eines Urlaubs hatte ihr Mann Fotos von ihr in der mexikanischen Wüste gemacht, und dabei war sie mit dem Hinterteil in einen Kaktus gefallen. Wie jeder Kriegsveteran weiß, ist ein Schuss in diese Körpergegend noch gefährlicher als ein Bauchschuss, wegen des Wundbrandes. An so einer Sepsis litt nun meine arme Bettnachbarin, aller Antibiotika zum Trotz. Es war ein übermannshoher Kaktus mit einem ganz besonders bösartigem Gift in den Stacheln.

Als ich damals nach Hause entlasse wurde, habe ich eine Opuntie, die schon ganz schön groß und stachlig war, aus meinem Wohnzimmer entfernt. Die Botaniker nennen die Stacheln übrigens Dornen. Aber dieser feine Unterschied spielt wohl keine Rolle, wenn man gestochen wird. Ihre Dornen bewahren Kakteen nicht nur davor, von Tieren gefressen zu werden, sie geben Schatten, schützen vor Wind, nehmen Feuchtigkeit auf und leiten sie zu den Wurzeln. In einer Enzyklopädie lese ich den interessanten Satz: „Kakteen sind Sukkulenten, die Wasser speichern können. Alle Kakteen sind Sukkulenten, aber nicht alle Sukkulenten sind Kakteen.“ Der Laie schließt daraus: je mehr Stacheln, desto Kaktus. Je weniger Stacheln, desto Sukkulent. Mein schönes Flammendes Käthchen ist ein Sukkulent, kein Kaktus. Ich brauche also keine Angst zu haben.

Dennoch habe ich mir vor einiger Zeit im Supermarkt vier entzückende Kakteenbabys gekauft. Einen kleinen Warzenkaktus mit einem roten Blütenkranz am Scheitel, einen Christusdorn mit leuchtend roten Scheinblüten, eine Goldopuntie, von der das Beipackstäbchen gelbe Blüten versprach, einen Echinopsis chamaecereus. Alle ungefähr vergleichbar mit Knut, dem kleinen Eisbären. Niedlich, rundlich, die Gefährlichkeit noch nicht sichtbar.

Auch Kakteen wachsen heran. Eine Enttäuschung erlebte ich, als der Warzenkaktus zwar größer wurde, aber seine Blüten unerschütterlich winzig blieben. Sie waren vom trickreichen Händler mit Stecknadeln einfach hineingesteckt worden. Die Goldopuntie machte mir die Freude, mehrere bizarre Seitenarme zu entwickeln. Geblüht hat sie bis jetzt noch nicht, aber sie sieht hübsch aus. Die Euphorbia milii, zu deutsch Christusdorn, nimmt die Gestalt aller Christusdornen an, die ich je hatte – die Zweige strecken sich, das Grün wird dünn und struppig, die Blüten leuchten weniger. Wieso bin ich bloß auf das Babystadium hereingefallen. Ihn wegzuschmeißen, dafür habe ich ein zu schlechtes Gewissen. Man kann einer Person, und wenn es ein Kaktus ist, doch nicht vorwerfen, dass er erwachsen wird. Wie ja auch einem braun gewordenen Eisbären nicht.Ursula Friedrich

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