Zeitung Heute : MEIN GARTEN EDEN: Flammendes Kätchen

Sie ist preiswert, robust und anspruchslos – das klingt nicht gerade aufregend. Unsere Autorin bewundert das Kätchen trotzdem.

Ursula Friedrich

Wenn von einem Mädchen gesagt wird, dass es robust und anspruchslos ist, dann bedeutet das zwar nicht eigentlich etwas Negatives, aber ein Kompliment ist es auch nicht. Still für sich darf man daraus schließen, dass es sich um ein wenig schönes, eher langweiliges aber braves Geschöpf handelt. Für bezaubernde Schönheit gibt es andere Beschreibungen. Wenn man die Robustheit und Anspruchslosigkeit einer Pflanze würdigt, dann ist es ganz ähnlich. Eine Rose oder eine unwiderstehliche Kamelie ist ganz bestimmt nicht gemeint.

Kürzlich las ich in einem Gartenkatalog genau die Worte unter einem Foto der Kalanchoe: robust und anspruchslos. Kannst du kaufen und vergessen. Blüht trotzdem. Mit dem gebräuchlichen deutschen Namen heißt das Blümlein auch noch Kätchen. Flammendes Kätchen allerdings, also doch nicht so ganz unscheinbar. Kann schon sein, dass es robust und so weiter ist – aber das ist doch wirklich nicht die herausragende Eigenschaft Kätchens. Das Auffallendste an ihm sind seine wunderschönen, winzigen, in Büscheln zwischen den lack grünen Blättern herauswachsenden Blüten.

Zu Winters Beginn stehen sie in Scharen im Supermarkt, jedes von einer Plastikpelerine umhüllt: flammend rot, dottergelb, weiß, orange, pink. Billig sind sie auch noch. Ich leiste mir ein halbes Dutzend Töpfchen in verschiedenen Farben. Die Farben spitzen anfangs nur angedeutet aus den Knospenbücheln heraus. Ich stelle sie zu Hause zusammen in einen Messingtopf oder nebeneinander wie eine Reihe kleiner bunter Mädchen aus dem Kindergarten aufs Fensterbrett. Nach ein paar Tagen erblühen sie ganz. Was heißt ganz – von nun an erblühen sie immer und immer weiter, bilden Blütenschleppen, die an der Spitze neue Knospen zeigen.

Es stimmt schon, sie sind robust. Mal nicht gegossen werden juckt sie nicht. Sie haben von der Natur dicke fleischige saftige Blätter mit ins Leben bekommen, in denen sie Feuchtigkeit sammeln können. Kalanchoen gehören zu der Blattsukkulenten. Das sind im übergeordneten Sinn Kakteenarten. Sukkulenten, steht in meinem Lexikon, sind Fett- oder Saftpflanzen. Der Mauerpfeffer gehört dazu, die Fetthenne, die Aloe, die Agave. Alles Verwandte meiner kleinen flammenden Kätchen. Ich verreise, nach 14 Tagen komme ich wieder und finde sie wohlauf. Die haben sich von ihrem angesparten Wasser ernährt. Und blühen.

Oft, wenn ich meine Pflanzen betrachte, bewundere ich sie, weil sie so klug sind. Sie sind auf meine Fürsorge angewiesen, das ist schön, aber sie wissen so genau, was sie brauchen, wie sie sich verhalten müssen, und sie zeigen es auch. Wenn die Kalanchoen Dünger oder Wassernachschub benötigen, werden ihre rötlichen Blattränder richtig tief rot. Meine Yuccapalme gibt mir mit braunen Blattspitzchen einen Wink. Weißgrüne Blätter vom Ficus werden einheitlich grün, wenn er zu wenig Licht bekommt. Alle mögen sie, dass man sich m it ihnen beschäftigt. Wenn es ihnen gut geht, wollen sie ihre Pracht zeigen und bewundert werden.

Sobald es jetzt warm wird, kürze ich die Kätchen etwas ein und setze sie in frische Erde, dann blühen sie im Sommer an einem halb schattigen Platz im Garten weiter. Im Herbst dann haben sie es verdient, in Ruhe sterben zu können. Sie werden auf dem Kompost begraben. Dann sind auch sie nicht mehr robust und anspruchslos, sondern einfach erschöpft. Das ist das Leben.

Nächste Woche: Kopfsalat

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