Mein Garten EDEN : Frieden den Gärten

Ursula Friedrich

Die Zeit der Rücksichtslosigkeit ist angebrochen – wie jedes Jahr im vorzeitigen Frühling. Überall kreischen die Sägen bei uns auf dem Land, das ja auch kein richtiges Land mehr ist, sondern ein mit der S-Bahn zu erreichendes Vorstadtdorfland. Kennzeichen: Immer mehr Häuser werden gebaut, immer kleiner werden die Gärten. Infolgedessen setzen sich die Nachbarn untereinander heftig auseinander, weil der Baum des einen seinen Schatten in den Garten des anderen wirft. Jeder setzt kleine Sprösslinge aus der Baumschule neben den Zaun, die überraschend schnell an Größe gewinnen und schon bald das Sonnenbad der Frau Nachbarin dimmen.

Ich schaue also aus dem Fenster und sehe, dass die schöne Krone der Birke gegenüber, auf der immer ein Krähenpaar sitzt, wankt und sich plötzlich zu Boden wirft. Anfangs haben Birken noch keine weiße Rinde, die wächst ihnen erst und macht ihre Schönheit aus. Jetzt ist die Birke weg. Und damit auch der grüne Blätterschleier mit den langen Kätzchen. Sonnenschein bricht durch die Lücke.

Den alten Kirschbaum erwischt es ebenfalls. Wer denkt schon daran, dass sich die Stare beim Heimkommen umsonst auf ihre Kirschen gefreut haben? Die Rücksichtslosigkeit greift auf die Rosen über. Ein Fachmann kommt und schneidet meine Rosen kurz und klein, erklärt mir seine Technik, nur die Zweige mit den dicken Augen stehen zu lassen. Das letzte Auge muss den Blick stets nach innen gerichtet haben. Irgendwie tun sie mir leid, sie haben doch schon an den Spitzen hoffnungsvoll kleine Blättchen gebildet.

Über die Hortensien streite ich mich jetzt nicht mehr mit Fachleuten. Ich habe die Winterstängel auf ihren Rat kurz geschnitten, sie haben nicht geblüht. Ich habe die Stängel den Winter über stehen gelassen, sie haben nicht geblüht. In diesem Jahr schneide ich sie wieder kurz. Sollen sie doch machen, was sie wollen. Ein bisschen Entgegenkommen ihrerseits würde ich schon mal erwarten.

Die schlimmste Lücke hat mir das Straßenbauamt zugefügt. Die haben mir, weil sie an ein Kanalrohr ran wollten, einfach zwei Thujen aus meiner dichten Hecke gesägt. Zahnlückig steht sie jetzt da. Die beiden Ersatzkinder aus der Baumschule nehmen sich ganz verloren neben den Erwachsenen aus. Thujen wachsen schnell, brauchen ungefähr fünf Jahre. Erlebe ich das überhaupt? Aber solche Fragen stellt sich die Gärtnerin nicht. Sie blickt in die Zukunft, es wird neue Kirschbäume geben und neue Birken … Und bald wird auch wieder Sommer sein. Da wird nicht mehr gesägt. Dann sind die Rasenmäher dran und säbeln laut und rücksichtslos die Gänseblümchen weg. Frieden den Gärten … Die Gänseblümchen sind schnell wieder da. Und in stillen Minuten wird man auch die Hummeln wieder brummen hören.Ursula Friedrich

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