Zeitung Heute : MEIN GARTEN EDEN: Geißblatt

Eine Blume, die nach Sünde riecht - und die deshalb in keinem Liebesroman mehr fehlen darf.

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Von Ursula Friedrich

Der Garten hat so viele Düfte: Rosen riechen zart und innig, Maiglöckchen nach der Haut von jungen Mädchen, wie ein Poet schrieb. Phlox riecht nach Maggi, die Pfingstrose nach Kirchenfeierlichkeit, Jasmin süß, Nelken duften nach französischer Seife. Nur einer riecht nach Sünde, nach lustvollem Begehren, nach Liebe und Verführung: das ist der Geißblattstrauch, der an meiner Garagenwand emporklettert mit langen schlängelnden Trieben und unbeschreiblich wohlriechenden Blüten von Juni bis August.

Eine Garagenwand ist natürlich nicht der richtige Platz für diese berauschende Pflanze. Aus vielen Liebesromanen des 19. Jahrhunderts wissen wir doch, wo ein Jelängerjelieber hingehört, wie das Geißblatt mit dem volkstümlichen n heißt. Über eine Gartenlaube selbstverständlich, eine Gartenlaube in einem verschwiegenen Eck des Gartens, wo nicht jeder ihn sieht. Eine Bank muss drinstehen. Die blütenschweren Ranken müssen über die Laube hängen. Und auf der Bank muss ein Liebespaar sitzen. So muss es sein. Wir wissen nicht, war zuerst die Liebe da oder das Geißblatt. Wir ahnen nur, wie die Geschichte drinnen auf der Bank endet, heute wie damals in der romantischen Vergangenheit. Doch, das können wir uns gut vorstellen. Der Duft von Jelängerjelieber ist eine Droge, süßer als Wein. Dafür gibt es mildernde Umstände.

„Das Kraut je länger je lieber

an manchem Ende blüht.

Bringt oft ein heimlich Fieber,

wer sich nicht dafür hüt"

heißt es in einem alten Lied. Maßliebchen, rings um die Laube gepflanzt, sollen angeblich den Überschwang dämpfen. Aber Maßliebchen sind doch um diese Zeit längst verblüht. Man muss sich ja schließlich auch nicht grundsätzlich vor jedem Überschwang hüten.

Das Geißblatt ist aus allen Teilen der Welt zu uns gekommen, aus Russland, Japan, Südamerika. Es ist eine widerstandsfähige Pflanze, die nach einem Klettergerüst, einem alten Baum oder einer Mauer als Halt verlangt, aber sonst nicht viel Beachtung braucht. Schon im Mittelalter war sie Symbol für anhaltenden Genuss, für Dauer und Beständigkeit. Daher vielleicht der Name Jelängerjelieber. Die lateinische Bezeichnung gab ihr Linné nach einem Marburger Botaniker Adam Lonitzer: Lonicera caprifolium. Caprifolium heißt wörtlich „Blatt der Geiß" – Ziegen fressen die Blätter sehr gern.

Die großen niederländischen Maler haben Jelängerjelieber geliebt und auf vielen Blumenstillleben gemalt. Mit ihrer bizarr zügelnden, zwischen Weiß, Rosa, Rot und Orange changierenden Blüten passen sie gut in jeden Strauß. Peter Paul Rubens hat sich und seine Braut Isabella vor einer Geißblattlaube porträtiert - ein Jahr vor der Hochzeit übrigens.

Es ist nicht bekannt, in welcher Stimmung sich die englische Gartenpoetin Vita Sackville-West befand, als sie schrieb: „In der letzten Zeit habe ich bereut, dass ich nicht noch mehr Geißblatt in meinem Garten pflanzte. Glücklicherweise handelt es sich um ein Versäumnis, das schon im Herbst gutgemacht werden kann, da das Geißblatt sehr schnell wächst." Ich glaube, ich brauche auch noch ein oder zwei Jelängerjelieber in meinem Garten. Ich muss nur aufpassen, dass ich duftende Sorten einkaufe. Denn - wie in dieser Kolumne schon öfter bedauert wurde - inzwischen gibt es auch duftlose Züchtungen. Sie haben riesige, prächtige Blüten. Aber darauf pfeife ich.

Nächste Woche: Pflaumenbaum

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