Zeitung Heute : Mein Garten Eden: Goldlack

Ursula Friedrich

Bauerngärten sind ururalte Gärten. Anfangs wurden darin nur Nutzpflanzen angebaut. Das Leben war zu hart für Blumenpflege. Es dauerte viele Jahrhunderte, bis aus dem Bauerngarten der verzierte Bauerngarten wurde - mit Lilien, Rosen, Schwertlilien, Malven und Mohn zwischen den Krautköpfen, Zwiebeln und Rüben. Die aufgezählten Blumen waren schon den alten Römern bekannt, dazu kamen Veilchen, Levkojen, Narzissen, Buchs. Und Goldlack. Alles Kinder ferner Länder, mitgebracht von Seefahrern und Abenteurern.

Goldlack war in meiner Kindheit meine besondere Lieblingsblume. Vielleicht deshalb, weil ich die langen Sommerferien bei meiner Patentante Ursi auf dem Land verbringen durfte. Sie hatte einen keinen Garten hinter dem Haus, der ihr alleiniges Reich war. Er war eingezäunt, damit die Hühner und die Schweine bei ihrem Freilauf nicht hineinmarschieren konnten und dort in der weichen Erde, die zweimal am Tag gegossen wurde, nach Würmern und schmackhaften Salatblättern wühlten. Der Goldlack säumte die Gemüsebeete ein. Er duftete unsagbar gut.

In der Sommerstille hingen die Bienen summend an den goldgelben und rotbraunen Blütenköpfen. Es war wundervoll, einfach da zu sitzen und zu atmen. Wenn ich groß bin, dachte ich, will ich Goldlack in meinem Garten haben.

Aber dann, als ich groß war, hatte ich zuerst Kinder im Garten, einen Sandkasten, eine Schaukel und so weiter. Und Zeit, mich um junge Setzlinge oder Samen zu kümmern, hatte ich überhaupt nicht. Als ich wieder mehr Zeit hatte - siehe da, da war der Goldlack überall verschwunden. "Selten geworden", steht in einem Buch über alte Bauerngärten. Meine Tante Ursi lebte nicht mehr, ihren Garten gab es auch nicht mehr. Garagen standen dort jetzt in dem einstmals kleinen Dorf, das inzwischen von München fast verschluckt ist. Kein Platz für Goldlack. Auch nicht im Gartencenter und im Frühjahrsangebot der Supermärkte. Letztes Jahr fand ich schließlich ein Samentütchen. Erysimum oder Cheirantus heißt der Goldlack inzwischen, er hat gleich zwei botanische Namen.

Und er ist nicht ganz einfach zu züchten. Wenigstens nicht die Samen in meinem Tütchen: man bringt sie auf weicher, fein krümeliger Erde aus, gießt nicht zu viel und nicht zu wenig, und dann gehen sie auf zu vielen kleinen schmalblättrigen Pflänzchen, die man sorgfältig pikiert. Schwaches weg, Kräftiges darf bleiben. Das Kräftige wächst ganz langsam dem Herbst entgegen. Nichts von Blühen in Sicht, das steht schon auf dem Tütchen: warten bis zum nächsten Jahr. Nächstes Jahr ist dieses Jahr. Meine Goldlackbabys haben den Winter überdauert, der bei uns sehr hart war. Ich dünge sie, besuche sie täglich, freue mich über jedes Zentimeterchen Wachstum. Eine Freundin kam kürzlich vorbei und sagte: "Freu dich lieber mal nicht auf den Duft. Bei mir blühte der Goldlack im vergangenen Sommer, aber gerochen hat er nach nichts." Ich will das nicht gehört haben. Und was ist, wenn er wirklich nicht duftet? Warum bloß haben die Züchter so vielen Pflanzen zu Gunsten größerer Blumen den Duft weggezaubert?

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