Zeitung Heute : Mein Garten Eden: Herbstanemone

Ursula Friedrich

Sie sind treue Seelen. Sie blühen im zeitigen Frühjahr im Wald und unter den kahlen Sträuchern im Garten. Auf braunem Laub bedecktem Boden, in nach Winternässe riechender Umgebung breiten sie Teppiche aus weißen Sternchen aus. Trost nach den langen, kalten Monaten: Buschwindröschen.

Und sie blühen jetzt. Auf großen kräftigen Stängeln lächeln uns ihre Blumengesichter mit dem goldgelben Strahlenkränzlein in der Mitte entgegen. Jetzt heißen sie nicht Buschwindröschen, sondern Herbstanemonen. Ihre Blüten sind viel größer und die Stängel viel höher als die ihrer kleinen Frühlingsschwestern. Aber auch sie trösten uns - dass der Sommer wirklich vorbei ist, aller Glanz und Duft und Überschwang. Nur sie sind noch da, die Herbstanemonen.

"Diese beliebten Hybriden", steht im Lexikon, "stammen vermutlich aus Kreuzungen zwischen Anemone hupehensis und ihrer engen Verwandten aus dem Himalaja, Anemone vitifolia". Ich sehe das romantischer. Eine Anemone aus Japan und eine Anemone aus dem Himalaja haben sich ineinander verliebt und gemeinsame Kinder gezeugt. Kinder der Liebe. Geschenke des Himmels.

Eine seltsame Erinnerung an den Frühling, schreibt die englische Gärtnerin Vita Sackville-West, die am liebsten eine weiße Sorte namens "Prinz Heinrich" mochte, weil sie überhaupt weiße Blumen besonders schön fand. Jetzt, an nebligen Morgen und frühen dunklen Abenden leuchtet der Prinz im langsam sterbenden Garten still und geheimnisvoll. Ich habe ihn auch, den Heinrich. Er steht vor einer Thuja und nimmt ihr den herbstlichen Grabesernst.

In einem allerdings muss ich der verehrten Vita widersprechen. "Sie ist in jeder Beziehung bescheiden, findet sich mit Halbschatten ab, stellt keine Ansprüche an den Boden." Das muss am mild-feuchten englischen Klima liegen. Bei mir zeigten die Herbstanemonen eher ein zurückhaltendes, sprödes Benehmen. Ich setzte sie ein, und dann passierte mal zwei, drei Jahre gar nichts, oder jedenfalls außer dem Zustandekommen einiger Blätter nicht viel. Dann vergaß ich sie. Das passte ihnen offenbar auch nicht. Klammheimlich nahmen sie ihre Kräfte zusammen, und im folgenden Jahr zeigen sie sich nach einem nahezu unauffälligen Sommer ganz plötzlich in voller Höhe und Schönheit.

Noch kann nicht von strotzendem Wachstum die Rede sein - ich halte es vorläufig für ein Gerücht, dass sie sich angeblich unkrautmäßig schier schrankenlos vermehren. Übrigens hätte ich nichts dagegen. Ich würde es mir sehr wünschen, meinen Garten im Herbst ganz von Prinz Heinrich in Besitz genommen zu sehen. Etwas Schöneres kann ich mir kaum vorstellen jetzt im Oktober.

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