Zeitung Heute : Mein Garten Eden: Kaiserkrone

Ursula Friedrich

Sie heißt wohl so, weil sie unter allen Frühlingsblühern die auffallendste ist: Kaiserkrone. Auf dickem Stängel hochragend, leuchtend orangerot oder zitronengelb. Vielleicht lag es an dem majestätischen Namen und Gebaren, dass ich sie bisher eigentlich nicht mochte. Aber dann kam ein Freund mich besuchen, in dessen Garten ganze Heerscharen von Kaiserkronen am Zaun entlang wachsen. "Was", sprach er, "du lässt dir diese Schönheit entgehen? Ein Garten im Frühling ohne Kaiserkronen - da fehlt was." Und außerdem seien Kaiserkronen das wirksamste Mittel gegen Wühlmäuse. Warum? Weil sie so stinken, sagte er. Die Blätter, die Blüten, die Zwiebeln, alles stinkt. Das ist der einzige Nachteil.

Nun, stinken ist leicht übertrieben. Aber sie riecht schon etwas seltsam, die Kaiserkrone. So zwischen Knoblauch und Kuhfladen. Um sich dran zu stören, muss man die Nase ganz nah hinhalten. Außerdem dämpft das frische Frühlingslüftchen die Ausdünstung. Im Sommer wäre es schlimmer. Aber da sind die Blätter und hohen Stängel längst gelb geworden und diskret wieder verschwunden. Die Zwiebeln stinken unter der Erde. Ob sie tatsächlich Wühlmäuse bekämpfen, kann ich nicht beurteilen. Ich hatte vorher keine im Garten und jetzt auch nicht. Dass ich seit letztem Jahr Kaiserkronen habe, darüber bin ich froh.

Ich habe sie, glaube ich, ganz falsch beurteilt, als ich sie in die kaiserlich protzige Ecke schob. Sie halten ihre wunderschönen Lilien-artigen Glocken doch fast verschämt nach unten. Nach der christlichen Überlieferung büßen die Fritillarien (lateinischer Name) mit dieser Haltung für eine uralte Sünde. Weil sie sich vor langer, langer Zeit weigerten, ihre Häupter vor dem Kruzifix zu neigen, hat sie der liebe Gott im Genick gepackt und zur Erde gebeugt. Mein Gott, kann ihnen nicht irgendwann mal vergeben werden?

Sie sind in den gemäßigten Zonen der Türkei und Persiens zu Hause, blühen dort in feuchten, schattigen Tälern. Früher haben Wanderer sie dort entdeckt und waren ergriffen von ihrer verschwenderischen Schönheit. Heute wandert ja kaum mehr jemand, und an Flughäfen und Stränden wachsen sie nicht. Sie brauchen reiche, durchlässige Erde, auch wenn wir sie im Garten halten. Den Frost fürchten sie nicht, aber zu nasse Sommer können ihre Wurzeln verfaulen lassen. Manche Gartenbücher empfehlen, sie bei solchen Wetterlagen nach der Blüte, wenn sie die Blätter eingezogen haben, aus dem Beet zu nehmen, trocken zu lagern und sie erst im Herbst wieder einzusetzen.

Ehrlich, dazu bin ich zu faul. Ich habe sie trotz Regen in der Erde gelassen und sie im Herbst mit einem Gemisch aus Laub und Pferdeäpfeln (Handgelesen von einem Waldweg) gedüngt. Jetzt stehen sie bereits vierzig Zentimeter hoch da und beugen ihre Knospen. Es kann sein, sagt mein Freund, dass sie mal ein Jahr lang etliche blinde Triebe entwickeln. Das darf mich dann nicht verdrießen. Das nächste Jahr kommen sie wahrscheinlich wieder mit ihrer Pracht, wenn ich sie voller Liebe und Nachsicht nahrhaft zudecke. Fritillaria imperialis. O du meine Kaiserkrone.

Nächste Woche: Der Buchsbaum

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