Zeitung Heute : MEIN GARTEN EDEN: Leberblümchen

Sensibel, aber unabhängig: Die blauen Frühlingsboten kann man nur im Wald bewundern.

Ursula Friedrich

Die Farbe Blau ist unter den wild wachsenden Blumen selten. Vergissmeinnicht, Wegwarte, Kornblume – mehr fallen mir auf Anhieb gar nicht ein. Halt, das Mäusegedärm, auch Ehrenpreis genannt. Aber das ist ein anerkanntes Unkraut und als solches nicht zu den erwähnenswerten Pflanzen zu zählen. Vor allem nicht, wenn es im Rasen blüht.

Blau ist etwas Besonderes. Blau steht für Zartheit, Anmut, Sehnsucht, Liebe (die vergebens gesuchte Blaue Blume der Romantik), und für Empfindsamkeit. Richtig schönes Himmelblau, das versuchen die Züchter seit Jahrhunderten in ihre Rosen, Tulpen, Nelken hineinzubringen. Ohne Erfolg. Kommt immer nur irgendwas zwischen bläulichrosa und violett heraus. Über blaue Hortensien schrieb Rilke ein Gedicht: „…Man sieht ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.“ Ich kaufe jedes Jahr eine blaue Hortensie. An einem geschützten Ort gepflanzt, überwintern sie im Garten. Und wie blühen sie im Sommer darauf? Ungefähr rosalila. Auch hübsch, aber eben nicht blau. Das liegt am Boden, verteidigen sich die Züchter verärgert. Sie brauchen Aluminium oder so was. Man muss sie wissenschaftlich behandeln.

Blau ist sensibel. Der erste Farbtupfer, der nach dem langen Winter im Wald und am Waldrand erscheint, ist blau – und kaum jemand nimmt ihn wahr. Er ist so weit unten am Boden, er kommt aus braunem Laub ganz ohne Grün heraus. Kleine blaue Sterne, die relativ rasch verblühen. Freundlich lächelnde Blümchen. Leberblümchen. Nahe verwandt mit den glänzend weißen Anemonen. Tapfer feiern sie den Frühling etwas früher als diese.

„Ausgebreitet bei Sonnenschein, geschlossen und nickend bei Regen sowie gegen Abend, zeigen sich die Blüten nur eine gute Woche lang“, heißt es in „Wildblumen unserer Heimat“ von Gunter Steinbach. Ihren Namen verdankt das Leberblümchen den dreilappigen Blättern, deren Form Ähnlichkeit mit der Leber hat. Die Blätter, ledrig, glänzend grün an der Oberseite, rötlich an der Unterseite, erscheinen erst nach der Blüte.

Sie bilden größere Horste, dennoch gelten Leberblümchen im Vergleich zu den Anemonen als insgesamt selten. Vielleicht kommt es daher, dass sie kurze Stängel haben und von den Hummeln und Bienen unerkannt überflogen werden. Aber auf die sind sie zur Befruchtung ohnehin nicht angewiesen. Die erledigen kleine Käferchen, und notfalls sind sie auch zur Selbstbestäubung fähig.

Das gefällt mir an ihnen: wenn keiner daher kommt, bestäuben sie sich selber. Okay? Wir in unseren himmelblauen Kleidchen sind auf niemand angewiesen.

Auf Lateinisch heißen sie „Hepatica“, was auch was mit der Leber zu tun hat. Die Medikamente, die aus der giftigen Pflanze gewonnen werden, setzt man zur Behandlung von Leber-, Atemwegs- und Erkrankungen der Verdauungsorgane ein. Daran möchte ich nicht denken, wenn ich sie in ihrer blauen Unschuld den Winternachwehen standhalten sehe. Sie sind das blaue Band des Frühlings. Das ist viel hübscher. Und man soll sich bitte nicht unterstehen, sie aus ihrem laubigen, moosigen Walduntergrund herauszustechen und ins fremde Gartenbeet zu versetzen. Sie mögen es nicht, umzuziehen. Ich muss gestehen, dass ich den frevelhaften Versuch gemacht habe. Aber da haben sie einfach ihre Augen geschlossen und sind gestorben.

Nächste Woche: Kalanchoen (Flammendes Kätchen)

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