Zeitung Heute : MEIN GARTEN EDEN: Lorbeer

Meistens kennen wir nur die schrumpeligen Blätter in Tüten. Unsere Autorin holt sich den Duft des Sommers nach Hause.

Ursula Friedrich

Vor langer, langer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat – so fangen doch manche Märchen an – war ich an einem Frühlingswochenende in Rom. Ich befand mich in verliebtem Zustand, und der Verursacher meiner Gefühle befand sich mit mir in Rom. Wie gesagt, im Frühling. Die Lorbeerbäume in den Parks und Gärten, auf den Hügeln und am Kolosseum blühten. Sie dufteten so wundervoll, wie nie mehr in meinem Leben etwas geduftet hat. Sie warfen aus ihren Büscheln von gelben Blüten verschwenderisch goldenen Staub auf unsere Haare. Bitte, es kann sein, dass meine Erinnerung etwas übertreibt.

Ich erzähle jetzt nicht lang und breit, wie alles weitergegangen ist, bekenne nur, dass ich seither eine große Liebe für Lorbeer habe. Lorbeer, das getrocknete Gewürz, denn in frischer Form, sprich als Baum, gibt es bei uns Lorbeer ja nur im Botanischen Garten. Und sonst eben in den kleinen Tüten, in denen schrumpelige Blätter verkauft werden. Sie sind ein enttäuschender Anblick, aber ein bisschen nach Rom schmecken Saucen, Ragouts, Hühnchen und Fische doch, wenn sie mit Lorbeer, einem einzigen Blatt nur, gewürzt sind. Ich mache die Augen zu und genieße das kühle, leicht scharfe Aroma. Dann mache ich die Augen wieder auf, und es ist Winter, kalt, viel zu kalt, weit weg von Rom. Von Duft und Sonne.

Er wächst bei uns nicht im Freien, der Baum namens Laurus nobilis, der aus dem Mittelmeerraum, von den Kanarischen Inseln und den Azoren stammt. Er mag unser Klima nicht. Aber wir mögen ihn – die ganze Welt mag ihn. In Russland und Schweden braucht man seine Blätter für die eingelegten Gurken und für Kohlsuppen, in Arabien würzen sie Fleischgerichte, in Frankreich gehören sie ins Bouquet garni. Von Südamerika bis zum Balkan: keine Küche ohne Lorbeer.

Seine Blätter enthalten ein ätherisches Öl, Glykoside und Bitterstoffe, die die Verdauung fördern und den Appetit anregen. Aber der gesundheitliche Aspekt ist es wohl nicht allein, der den Lorbeer zum König der Gewürze macht. Magie kommt hinzu. Lorbeer ist seit alters her ein Symbol für ewiges Leben. Die Ägypter begruben ihre Toten mit Lorbeer bekränzt. Die Griechen schmückten die Sieger von Schlachten und Sportturnieren mit Lorbeer. Die Römer bekränzten ihre Kaiser damit. Triumph: Lorbeer als höchste Auszeichnung. Übrigens gibt es auch noch eine eher alkoholische Bedeutung für den Lorbeer. Diesmal nicht für die Blätter und auch nicht für die Blüten, sondern für die blauroten Früchte. Mit ihnen wurde früher das Bier gewürzt. Heute wird aus ihnen ein Öl für medizinische Zwecke gepresst.

Viele Jahre lang sind meine Lorbeer-Erinnerungen nur aus den Tüten auf dem Gewürzbord lebendig gehalten worden. Vor ein paar Monaten aber habe ich mir einen Lorbeerbaum gekauft. Ein Bäumchen, etwa anderthalb Meter messend. Ich sah ihn in einem sehr teuren Grünpflanzen-Shop und trug ihn für satte 200 Euro nach Hause. Seit Anfang November steht er im Wohnzimmer. Er liebt es hell und kühl. Ich nehme jede Rücksicht auf ihn. Heize um ein paar Grad weniger, gieße ihn sparsam. Aber etwas konnte ich doch nicht verhindern – Mitte Dezember bekam er Schildläuse. Ich habe sie ganz vorsichtig abgewischt, die Blätter und Zweige anschließend mit einer Pril-Lösung betrupft. Jetzt ist nichts mehr festzustellen. Ob ich erlebe, dass er eines Tages blüht? Ich hoffe halt. Ich hoffe, dass ich den Duft noch einmal erlebe.

Nächste Woche: Die Wühlmaus

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