Zeitung Heute : MEIN GARTEN EDEN: Mein Kräutergarten

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Von Ursula Friedrich

Manchmal habe ich Angst, dass mir mein kleiner Garten in einem unbewachten Moment einfach über den Kopf wächst. Dass er sich nicht mehr in Schranken halten lässt, dass er macht, was ER will und nicht, was ich mit meinen Gartenbüchern und träumerischen Vorstellungen plane. In diesem Jahr, scheint es mir, ist die Gefahr besonders groß. Wir haben viel warmes, schönes Wetter, das alles zum Leuchten bringt, und dazwischen ausgiebige Regentage, nach denen das Grün in die Höhe schießt, dass man fast zusehen kann. Über die Maßen üppig.

Mein Kräuterbeet, zum Beispiel. Ich habe es in einer Ecke angelegt, wo es nicht direkt in meinem Blickfeld liegt. Salbei, Liebstöckel, Schnittlauch, Bohnenkraut, Zitronenmelisse, Basilikum, Rosmarin, Pfefferminze, Estragon habe ich im Frühsommer in niedlichen kleinen Büscheln ausgepflanzt. Ums Gießen muss man sich bei Kräutern kaum kümmern, sie mögen es gern warm und trocken.

14 (ich wiederhole: vierzehn) Tage war ich weg. Gleich nach meiner Rückkehr ist mir noch nichts aufgefallen. Erst als ich einen Lammbraten mit viel köstlichen Kräutern ins Rohr schieben wollte, machte ich die Entdeckung: mein Kräuterbeet war weg. Stattdessen breitete sich an seiner Stelle ein hoher, wirrer Urwald aus. Liebstöckel, anderthalb Meter hoch, mit zahllosen gelbgrünen Blüten bestückt. Pfefferminze, wild duftend hatte das Bohnenkraut nahezu erstickt. Der Schnittlauch war unter der Melisse verschwunden, Basilikum von Schnecken gefressen, Estragon unauffindbar. Der Rosmarin blühte blau, Majoran, frisch ausgesät vor vier Wochen, hatte sich nicht durchgesetzt. Aus Schönheitsgründen und weil angeblich Kräuter das gern mögen, hatte ich Tagetes in die Zwischenräume gesetzt. Nix mehr da, keine Tagetes, keine Zwischenräume. Die einzig schöne Überraschung: der Salbei hatte sich zu einer großen, weiß blühenden Staude entwickelt.

Die nachlässige Gärtnerin brach zusammen. Klar, ich hätte rechtzeitig abschneiden, ordnend eingreifen, Überüppiges entfernen müssen. Eben verantwortungsvoll mich kümmern. Aber warum sind meine Pflanzen so gemein und nützen jede Schwäche, jede Vergesslichkeit und Abwesenheit so brutal aus? Als ich vor fünf Jahren einmal drei Monate im Krankenhaus war, verwandelte sich mein Garten in einen rosaroten mannshohen Balsaminenhain. Das war vom gärtnerischen Standpunkt auch schlimm, aber es sah wenigstens schön aus. Während das Kräuterbeet -Sparring, ineinander verwurstelt, komplett unordentlich! Es hat mich eine Woche Arbeit gekostet, um Unkräuter und Gewürzkräuter voneinander zu trennen, den besonders vorlauten Liebstöckel bis auf zwei, drei Triebe auszumerzen. Mit manchen Sorten war ich so beleidigt, dass ich sie ganz ausriss. Estragon zum Beispiel. Der hatte zwar viele holzige Zweige, aber die Blätter daran waren hart geworden und schmeckten absolut nach nichts mehr.

Ein Tütchen Borretsch habe ich ausgesät, der wird bald kommen mit vielen blauen Sternen und mich verwöhnen. Es ist nur so - wozu brauche ich eigentlich Borretsch? Ich lege keine Gurken ein. Übrigens - für meinen Lammbraten habe ich die Gewürze noch mühsam zusammengesucht. Aus dem eigenen Kräutergarten? Lobten die Gäste die Soße. Alles, sagte ich, ohne zu erröten.

Nächste Woche: Cosmeen

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