Zeitung Heute : MEIN GARTEN EDEN: Moos

Die meisten halten Moos für schädlich, aus allen Ritzen wird es gereinigt. Unsere Autorin aber hat die Vorzüge der blütenlosen Pflanzen entdeckt.

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Von Ursula Friedrich

Gärtner sind durchaus gegensätzlicher Auffassung, was das Aussehen ihres Gartens betrifft. Naturgarten kontra ordentlicher Garten, Bauerngarten kontra Steingarten, frisierte Buchsbaumhecken kontra Wildwuchs. Ich haben einen Freund, der seinen Garten ausschließlich in Grüntönen angelegt hat, ohne einen einzigen Farbfleck. Eine Freundin hat in ihrem kleinen Reihenhausareal nur Malven gepflanzt. Und dann gibt es noch Gartengestalter, die Moos in jeder Form hassen.

Ich gehöre zur ersten Gruppe. Wenn ich meinen Nachbarn so zuschaue, denke ich manchmal, ich bin die überhaupt einzige Moossymapthisantin auf der Welt. Sie spritzen und sprühen, kratzen und arbeiten sogar mit Flammenwerfern, sie lassen auch ihre Dachziegel von Moos befreien und anschließend versiegeln, dass sie schön glänzen. Und dann traut sich garantiert nie mehr ein Möslein auf den Giebel. Ein Mann putzt im Herbst den Stamm seines Apfelbaums mit dem Viledaschwamm moosfrei.

Ich weiß nicht, ob sie nicht vielleicht alle miteinander Recht haben. Vielleicht ist Moos wirklich schädlich. Aber ich mag es nicht glauben. Ich sehe es so gern zwischen den Platten der Terrasse, auf dem Mäuerchen, auf dem steingedeckten Häuschen meiner Mülltonne. Dort wächst eine besonders schöne, satt grüne Sorte, aus der dünne Stängelchen mit goldenen Spitzen wachsen.

Auf einem sehr schattigen Teil meiner Wiese wächst weiches grünes Moos. Zugegeben, es hat die Grashalme fast verdrängt, aber man muss dort zum Beispiel nie mähen. Mein Hund liegt an heißen Tagen gerne auf den kühlen Polstern. Natürlich wächst bei mir Moos auch auf den sonnigen Rasenstücken, und bei längerer Trockenheit wird es braun und unansehnlich. Aber man muss bedenken, dass es im kalten Winter die Schneeglöckchenzwiebeln zudeckt und die Krokusse. Sie mögen gern dort sein, wo Moos ist.

Moose, schlage ich nach, gehören in die Abteilung der blütenlosen Pflanzen (Kryptogame). Sie haben keine Wurzeln, nur Wurzelhaare, daher brauchen sie hohe Luftfeuchtigkeit. Es gibt etwa 25 000 Arten. Die schönsten wachsen im Gebirge. In Neuseeland gibt es eine Sorte, die einen halben Meter hoch wird. Moose pflanzen sich auf sehr komplizierte Art aus Sporen fort. In einem Buch über Schädlinge und Krankheiten im Garten steht barsch und mitleidlos: „Befallzeit: immer, vor allen Dingen bei nassen Böden. Abhilfe: Moospolster mit Vertikutierrechen ausharken, vor allen Dingen im Frühjahr. Spezialmittel gegen Moosarten ausstreuen oder ausgießen.“ Da sei mir der Schriftsteller Jürgen Dahl gelobt, der empfiehlt, eine kleine Sammlung lebender Moose im Garten anzulegen - weil es so interessante und hübsche Pflanzen sind. „Auf Spaziergängen sammeln wir Moos bedeckte Steine, vermoostes Holz oder auch einmal einen kleinen Ballen Erde mit Moosen auf. Die mitgebrachten Proben fügen wir in einem geschützt liegenden Winkel des Gartens zusammen - so natürlich wie möglich." Und dann, rät er, betrachten wir die Wunderwelt der Moose, sehen, wie sie sich entwickeln, sich voneinander unterscheiden, ihre Polster aufbauen, ihre Blättchen zeigen. Das rätselhafte Leben der meist so unbeachteten, gehassten Pflanzen.

Bei mir ist das ganz einfach. Ich liege im Liegestuhl und freue mich am grünen Moos, das ich immer wieder vor dem Ritzenreiniger meiner Zugehfrau retten muss. Ich bin ein Moosliebchen.

Nächste Woche: Pflaumenbaum

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