Zeitung Heute : MEIN GARTEN EDEN: Nelken

Erst war sie die Blume des Adels, dann entdeckten die Arbeiter sie für sich, und schließlich geriet sie aus der Mode. Jetzt ist sie wieder da.

Ursula Friedrich

Die Nelke gilt als „die französische Blume“. Sie war im Mittelalter das Zeichen für Frankreichs Adel und für Tapferkeit. Mit einer roten Nelke im Knopfloch stiegen während der Französischen Revolution Grafen und Herzöge aufs Schafott. Napoleon wählte als Farbe für das Band der Ehrenlegion das Rot der Nelke. Sie galt als Sinnbild für Liebe, beständige Treue und Hingabe. Um 1900 sank ihr Wert urplötzlich. Für die feinen Leute hing das wohl damit zusammen, dass in englischen Bergarbeitersiedlungen die schönsten Nelkenexemplare gezüchtet wurden. Der Kohlenstaub in der Erde und in der Luft tat den Nelken offenbar besonders gut.

Aus der Aristokratenblume wurde die Arbeiterblume. Rote Nelken waren das Symbol der Arbeiterklasse, getragen bei Versammlungen und Protestmärschen. Da war sie dann für die Haute volée nicht mehr standesgemäß. Tante Lieschen kaufte sich samstags drei Stück und stellte sie mit einem Zweig Asparagus ins Wohnzimmer, falls vorhanden aufs Klavier. Der Ruf als Spießerblume kostete sie sogar die Beliebtheit in den ausladenden Balkonkästen süddeutscher Bauernhäuser. Die Geranie drängte sich vor.

Ich habe eine gute Erinnerung an den Duft der Nelke, weil mir mein Vetter Herbert, der 1941 Soldat in Frankreich war, ein Stückchen Seife von dort mitbrachte. Sie roch wunderbar, heute würde ich sagen, nach Freudenhaus. Ein bisschen aufdringlich. Auf dem Schächtelchen, in dem sie steckte, war jedenfalls eine Nelke abgebildet. Ich hatte sie unter meinem Kopfkissen versteckt. Dann kam sie aus Versehen in die Wäsche und löste sich auf. Die Blume mochte ich eigentlich nie. Sie war so steif, stand unbeweglich in der Vase.

Jetzt, verkünden die Gartencenter, ist sie wieder wahnsinnig in Mode. Auch die Floristen mögen sie. Allerdings nicht mehr so sehr als Solisten. Sie werden mit anderen Sommerblumen zusammengebunden, mit exotischen Farnen und biegsamem Bärengras. Asparagus ist total out. Hoffentlich.

Dem Gärtner gilt sie als „dankbare Blume“. Es gibt mehr als 300 Arten. Im Garten meiner Großmutter gab es als Umkränzung ihres Gemüsebeets niedrige, buschige, schneeweiße Nelken, die so weit ich mich erinnere, jedes Jahr wieder kamen und unglaublich süß dufteten. Am Tag der Fronleichnamsprozession wurden ihnen in aller Frühe die Köpfchen abgezupft und in Körben gesammelt. Mein Bruder und ich bekamen als Kinder je ein solches Körbchen. Wir durften damit vor der Prozession hergehen und die Nelkenblüten auf den Weg streuen. Das war sehr feierlich.

Letztes Jahr habe ich Bartnelken gepflanzt. Sie haben eine große Blüte aus vielen kleinen Blüten und wundervolle Farben, vom klaren Weiß bis zu einem geheimnisvollen tiefen Violett. Inzwischen, habe ich gelesen, gibt es sie als Neuheit sogar in Schokoladenbraun. Sie haben starre Stängel, in der Vase sehen sie nicht so hübsch aus wie im Freien.

Dieses Jahr habe ich einen großen Fleck in meinem Steingarten mit Karthäusernelken bepflanzt. Dieser Steingarten ist mein Problemkind, alles, was ich draufsetze, verschwindet über den Winter. Auch der Enzian, der letztes Jahr noch knallblau geblüht hat. Soll ich doch düngen, obwohl auf den Begleitzetteln immer steht, dass magerer Boden geliebt wird? Oder liegt es daran, dass mein Steinhaufen ab Mittag im Halbschatten liegt?

Zurzeit, blühen meine Karthäusernelken scharlachrot, und sie duften. Schade, dass sie so tief unten sind. Man müsste sich zu ihnen ins Gras legen und sich von ihnen einduften lassen. Das herrlichste Parfüm.

Nächste Woche: Hagel

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