Mein Garten EDEN : Paradies mit Problemen

Ursula Friedrich

Gartenzeitschriften und Kosmetikannoncen haben eines gemeinsam: Sie gaukeln einem vor, was es nicht gibt – nämlich die Illusion der Vollkommenheit. Natürlich erliege ich dieser Illusion auch. Ich kaufe teure Cremes und habe Zeitschriften abonniert, die auf dem Titelbild Blütenparadiese zeigen, mit dem Hinweis, dass ich jetzt die schönste Zeit im Gartenjahr genießen soll. Abgebildet ist die Farbenpracht eines Rhododendronhaines, vor dem ein gemütlicher Gartenstuhl steht. Ach, so möchte ich meinen Garten auch.

Die Sache ist nur die: In drei Wochen sind die Blüten abgefallen. Und was dann? Wo rücke ich dann meinen Gartenstuhl zum Genießen hin? Wie schön ist der Mohn, besonders, wenn er eine größere Fläche bedeckt. Aber er erfreut vielleicht 14 Tage lang. Pfingstrosen halten auch nur kurze Zeit. Mein großer Rosenbusch blüht einmal im Sommer. Der Phlox ist dann noch nicht so weit, und die Dahlien befinden sich im Wachsen. Diese Zwischenzeiten stellen jeden Gärtner vor Probleme. Auch die Bäume blühen unpraktischerweise alle zugleich. Die große englische Gärtnerin Vita Sackville-West hatte für ihren riesigen Park eine Lösung. Sie teilte ihn in lauter Schmuckstückbereiche auf, in einen blauen, einen weißen und einen Rosengarten, sie hatte eine Wiese voller Margeriten und einen Rasen wie Samt, sie konnte von einem Paradies ins andere wechseln. Bei mir ist alles klein und eng, und wenn eine Blüte ausfällt, habe ich nicht rechtzeitig eine andere hingesetzt als Lückenfüller.

Eine Freundin von mir war zur Tulpenblüte in Holland. Was für ein verhängnisvoller Traum: zu Hause auf ihren 500 Quadratmetern pflanzte sie hunderte von Tulpenzwiebeln, alle in Rot, und alle von der gleichen Sorte. Ein Tulpenmeer. Wir sind immer eingeladen zum Tulpenfest. Weil Tulpen verhältnismäßig früh blühen, sitzen wir zum Kaffee hinter dem Aussichtsfenster im Wohnzimmer. Nur danach bietet die Wiese mit den gelb gewordenen Tulpenblättern keinen schönen Anblick mehr. Bis die Gänseblümchen wieder erscheinen.

Die Kunst, das ganze Jahr für Farbe zu sorgen, für das immerwährende Paradies – ich gärtnere seit so vielen Jahren, aber ich bringe das immer noch nicht. Meine Notnägel sind Kapuzinerkresse, die unermüdlich blüht, und Lobelien, denen ich wegen ihres deutschen Namens „Männertreu“ anfangs misstraute. Sie blühen aber wirklich treu vom Mai bis weit in den Oktober. Leuchtend blau. Sie blühen im Schatten, im Beet, an jedem leeren Fleck.

Meine Gartenzeitschriften lese ich natürlich trotzdem treu. Wo würde ich sonst erfahren, dass mein (einziger) Rhododendron von der Andromeda-Netzwanze bedroht wird, wenn ich nicht rechtzeitig einschreite? Das Blütenwunder von der Titelseite. Ursula Friedrich

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