Mein Garten EDEN : Schamhafte Sumpfpflanzen

Ursula Friedrich

Mimosen sind eigentlich unglückliche Blumen. Nicht, weil sie so empfindlich sind und bei Berührung sofort ihre kleinen spitzen graugrünen Blättchen hängen lassen. Auch nicht, weil von ihnen behauptet wird, dass sie einen nachtragenden Charakter haben. Von Botanikern ist beobachtet worden, dass sie, wenn sie von einer Person unfreundlich angefasst wurden, ihre Blätter auch dann ängstlich zusammenfalteten, wenn diese Person nur das Zimmer betrat.

Nein, unglücklich sind sie vor allem, weil sie dazu geboren sind, in warmen sonnigen Gegenden zu wachsen und zu blühen. Um dann Ende Januar in unsere Blumengeschäfte importiert zu werden und in der Kälte herzhaft nach Frühling duften zu sollen. Sie versuchen es ja, aber meist sind sie ein bisschen angefroren, wenn wir sie kaufen. Ein klein wenig braun angefärbt an den Rändern. Das ist ihr Schicksal, und sie haben deshalb in letzter Zeit wohl auch ein wenig an Ansehen verloren gegenüber den frühen Primeln. Die auch arm sind, weil sie weder die Kälte noch die Heizungswärme so recht vertragen.

Freunde von mir haben ein kleines Ferienhaus in Südfrankreich. Sie fahren am liebsten im Frühjahr hin, wenn die Mimosensträucher blühen. Die riechen ganz unbeschreiblich gut, und der Wind trägt ihren gelben Staub ins Haus und in die Nase. Meine Freundin bekommt Kopfweh, ihr Mann und Willi, ihr Hund, kriegen allergischen Schnupfen. Sie fahren trotzdem jedes Jahr wieder hin.

Für mich hat die Mimose eine romantische Bedeutung. Als ich 15 war und sehr damit beschäftigt, traurig zu sein und mich hässlich zu finden, lag eines kühlen Morgens ein Mimosenstrauß vor unserer Haustür. Da ich zwar hässlich, aber das einzige Mädchen im Haus war, begriff ich, dass es sich wohl um die Gabe eines Verehrers handelte. Es gab einen Sympathisanten!! Da war es gleichgültig, dass die Mimosen tatsächlich halb erfroren waren.

Mimosen sind verwandt mit den Akazien, es gibt etwa 480 Sorten dieser Art. Alle ein bisschen stachelig und mit doppelt gefiederten Blättern. Die Akazie hat aber ganz andere weiße Blüten. Mimosen blühen in kleinen flaumigen Kugeln, manche rosa, die meisten gelb. In meinem Lexikon der Botanik werden sie „schamhafte Sumpfpflanzen“ genannt. Sie mögen es, wie gesagt, nicht, wenn man sie anfasst. Aber ihre erschrockenen Blättchen richten sich nach einer Ruhepause in der Vase von selber wieder auf.

Ich habe schon gefürchtet, dass sie aus der Mode gekommen sind – besonders, da schon lange Zeit kein Strauß mehr vor meiner Tür lag. Aber heute, Ende Januar, habe ich mit meinem Blumengeschäft telefoniert: doch, sie haben schon Mimosen aus Italien frisch reingekriegt, aber ihre Knospen sind noch grün und geschlossen. Wenn ich zwei, drei Tage warte … Natürlich warte ich.Ursula Friedrich

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