Mein Garten EDEN : Schlumbergera ist aufgewacht

Ursula Friedrich

Eigentlich wollte ich hier mit meinen Dahlien beginnen, die zurzeit alles Abgeblühte im Beet mit ihren üppigen Kugeln verdecken. Aber zuerst muss ich von dem Wunder berichten, das sich anderweitig ereignet hat. Nämlich von meinem Weihnachtskaktus. Nach dem vorvorigen Winter hat er keine Knospen mehr angesetzt, stand nur freudlos und staubig am Fenster. Genauso wie sein Name sah er aus: Schlumbergera. Ich verbannte ihn im Juli auf die Terrasse, irgendwohin, soll er doch machen, was er will. Und was hat er gemacht? Hat mitten im Regen Knospen hervorgebracht, unzählige, blüht mitten im Sommer, der keiner ist, und denkt, es sei Weihnachten – vielleicht, weil wir an zwei, drei Abenden bei Kerzenlicht auf der Terrasse saßen …

Der Weihnachtskaktus stammt aus dem Südosten Brasiliens, die Dahlie aus Mexiko und Mittelamerika. Man muss sich, wenn naturverbundene Menschen von der einheimischen Flora schwärmen und fanatisch gegen die Überfremdung etwa durch sibirisches Springkraut kämpfen – also da muss man sich schon fragen, was es bei uns überhaupt für echt einheimische germanische Pflanzen gegeben hat außer Brennnessel und Giersch. Lilien wurden aus China importiert, Tulpen aus der Türkei, Storchschnabel aus Südafrika, alles kam von irgendwoher.

Und nun zu den Dahlien, unserem typischen deutschen Bauerngartenschmuck. Diesen Wunderblumen. Ein halbes Jahr lang dämmern ihre walzenförmigen Wurzelbüsche im Sandkasten im Keller vor sich hin. Im Mai dann dürfen sie hinaus, die Wurzelspitzen schön nach unten gerichtet, winzig fangen sie an zu sprießen, werden sofort von Schnecken gefressen, wenn die Gärtnerin nicht jedes einzelne Kerlchen mit Schneckenkorn umgibt. Und dann, wenn der Phlox (aus Nordamerika) fast am Ende ist, trumpfen die Dahlien auf. Und wie. In allen Farben und Größen. Als bunte Bälle, die Pompons ähneln, Sternen, Seerosen, Halskrausen. Es sind lustige, keine vornehmen Blumen. Im Blumenladen sind sie nicht besonders beliebt, weil sie in der Vase schnell ihre Blütenblätter abwerfen. Es gibt den brutalen Rat, die seitlichen Knospen abzuzwicken, damit sich die Mittelblüte groß entwickelt. Das mag ich ihnen nicht antun. Sie wollen viele Blüten haben und sind auch nicht beleidigt, wenn mal vergessen wird, die abgedankten zu entfernen. Sie sind unkompliziert, wollen Sonne, sonst nichts, außer genug Wasser in der langen Blütezeit.

Mein Problem ist, dass ich die Wurzelknollen zwar im Herbst einlagere, aber ich mache keine Schilder dran, welcher Sorte die einzelnen angehören. So wächst bei mir im Spätsommer alles durcheinander, groß und klein, Lila neben Gelb. Macht nichts, sie lachen, sie kichern, sie sind so wunderschön sorglos. Bis sie erfrieren. Ursula Friedrich

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