Mein Garten EDEN : Schneeglöckchen fürs nächste Jahr

Ursula Friedrich

Bis gestern war mein Garten von einer dünnen Schneelage bedeckt. Heute ist er wieder auf eine missmutige Art grün. Glaub ja nicht, sagt das Gras, dass ich jetzt wieder wachse. Ich schlafe. Auch die freundlichen Gänseblümchen blinzeln bloß vor sich hin. Wenn man genau hinschaut, spitzen zwischen ihnen niedrige Lanzetten aus dem Boden. Sie haben ebenfalls noch keinerlei Bedeutung. Es sind die Schneeglöckchen fürs kommende Jahr. Nur für das abschiednehmende Winterauge der aufmerksamen Gärtnerin ansatzweise sichtbar. Ich gehe so ein bisschen umher. Und nichts zu suchen, das war mein Sinn, dichtete Goethe. Aber dann entdeckte ich die letzte Rose. Das letzte noch kaum erblühte Rosenknösplein, versteckt in den fast kahlen Zweiglein einer müden Rosenmutter, die als Ballerina Dornröschen den ganzen Sommer graziös geblüht hatte. Und nun noch ein spätes Kind, für das sich die Ballerina ein bisschen schämte wie eine Frau für ein sehr spätes und nicht mehr geplantes Kind. Ich habe das Röslein abgeschnitten und in lauwarmes Wasser gestellt, aber es wollte sich nicht mehr ganz öffnen. Irgendwo habe ich mal den Satz gelesen: „Ich bin des Sommers müde.“

Eine andere Rose hat mich bei meinem melancholischen Rundgang ganz herzlich erfreut – ein Büschelchen Christrosen, verstohlen aus einem Häuflein Laub hervorblühend. Richtig große Blütensterne, grünlich-weiß mit einer rosa Unterseite der Blütenblätter. Wie sollen sich eigentlich Christrosen fortpflanzen, wenn bei ihrem Erscheinen keine Biene mehr fliegt? Sie lieben das Draußensein, sie frieren gern. Man kann sie im Blumengeschäft kaufen, als einfache Sträußlein oder in hübsch dekorierten Schalen. Mir kommen sie im Zimmer irgendwie deplatziert vor, sie werden rasch braun und lächeln mich nie an.

Und dann mache ich noch einen Rosenfund – bei meiner Nachbarin über den Zaun im abgeernteten Gemüsebeet. Da steht er an hohen Stängeln: der Rosenkohl. Unter den erfrorenen Blättern wachsen kleine runde Kohlköpfe wie Nachbildungen der dicken Weißkrautköpfe. Meine Nachbarin schwört darauf, dass diese Köpfchen, genannt Röschen, ein paar tüchtig kalte Nächte ertragen müssen, ehe sie abgezupft und mit vollem Geschmack gegessen werden können. Kohl in verschiedenen Formen ist eigentlich mehr ein Proletengemüse. Rosenkohl ist die jüngste Züchtung, vor etwa 100 Jahren wurde er in Belgien entwickelt. Er hat so viele Vitamine und Mineralien, dass man sie nicht aufzählen kann. Auf den Tellern der feinen Küche sieht er so wunderhübsch aus. Und die appetitlichen Röschen eignen sich wie kein anderes Gemüse zum Einfrieren. Grüne Rosen, bei deren Anblick einem Kochrezepte einfallen. In goldbrauner Butter.Ursula Friedrich

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