Mein Garten EDEN : Ungesunde Haferflocken

Ursula Friedrich

Eine meiner Freundinnen hat panische Angst vor Vögeln. Nicht nur vor solchen mit großen Schnäbeln, die wie bei Hitchcock Menschen überfallen, sondern vor dem kleinsten Spatzen, der sich für die Kuchenkrümel auf ihrem Teller interessiert. Weil sie Flügel haben. Sie hasst alles, was Flügel hat und damit herumflattert. Infolgedessen hat sie auf ihrer Terrasse auch kein Vogelhäuschen. Ich habe eines. Aber in diesem Jahr habe ich es zum ersten Mal nicht aufgestellt. Im letzten Winter habe ich mir einmal eingebildet, eine Ratte zu sehen, die sich über meine Sonnenblumenkerne hergemacht hat. Vielleicht war es auch eine große Maus oder ein Schatten. Jedenfalls habe ich mein Vogelhaus abgebaut.

Eigentlich wollte ich es verschenken. Deswegen habe ich eine gründliche Putzaktion unternommen. Putzaktionen sind äußerst deprimierend, weil man da erst den Dreck so richtig sieht. Vogel- und Mäusekot, Körnerhülsen, vertrocknete Spinnen. Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Bakterien und vielleicht sogar Viren. Nachdem mir der Kreisvorsitzende des Landesbunds für Vogelschutz, der in meiner Nähe wohnt, bestätigt hat, dass Vogelhäuschen eine gefährliche Ekelquelle sind, habe ich es verbrannt.

Außerdem sagte der Kreisvorsitzende, es sei für Vögel ungesund, sie den Winter über zu füttern. Oft würden ranzige Körner und altes Fell verwendet, ganz schädlich seien Brotreste und Haferflocken, die in der Feuchtigkeit aufquellen. Davon kriegen Vögel Durchfall, was zu einem lebensbedrohlichen Wasserverlust führt.

Aber es ist erlaubt, flache Wasserschalen aufzustellen, denn Vögel sind in der frostigen Jahreszeit oft durstig. Aus Pfützen auf der Straße sollen sie wegen Salz- und Ölverunreinigungen nicht trinken. Okay, ich habe gleich zwei Suppenteller voll Feuchtigkeit auf die Terrassenmauer gestellt. Die kann man ja in der Spülmaschine hygienisch zwischenreinigen. Und in der freien Luft darf ich auch Meisenknödel aufhängen. Obwohl ich glaube, die Meisen mögen beim Fressen lieber sitzen als schaukeln. Sie sollen im Übrigen begreifen, dass Beeren von Sträuchern nicht so bequem dargeboten werden wie hingestreute Sonnenblumenkerne und Lebkuchenbrösel.

Wir alle müssen lernen, uns gesund zu ernähren, auch die Vögel in meinem Garten. Mehr Bewegung, weniger Kalorien. Ein bisschen tut es mir schon leid, meine kleinen Gästen enttäuschen zu müssen. Dafür kriegen sie im Sommer genügend Kirschen und Johannisbeeren und wildwachsende Graskörner und einen großen Vogelbeerbaum im Herbst mit vielen, vielen roten Früchten. Und, ihr Lieben, fürs Wasser sorge ich ja immer.

Der Ehemann meiner vogelhassenden Freundin sagt übrigens „Spatzl“ zu ihr. Das stört sie nicht. Vermutlich ist er nicht flatterhaft.Ursula Friedrich

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