Zeitung Heute : Mein Garten Eden: Vitas schöner Traum

Ursula Friedrich

Manchmal träume ich von einem großen, großen Grundstück und von einem Dutzend fleißiger Gärtner, die darin arbeiten. Ich müsste nur sagen: dahin bitte den Flieder, und dort möchte ich eine Hecke aus Sternmagnolien haben, hierhin gehört ein Rosenbogen, da drüben hätte ich gern meinen Kräutergarten, lauter viereckige Beete, beschützt von niederen Buchseinfassungen, und wo stellen wir am besten den eisernen Pavillon auf ...

Mit anderen Worten: ich möchte einen Garten wie Sissinghurst, den wohl berühmtesten und schönsten Garten Englands. Ich wäre dann wie Vita Sackville-West, die begnadete Gärtnerin, die ich unzählige Male zitiert habe in dieser Kolumne. Jetzt soll einmal ein bisschen mehr von ihr erzählt werden, von ihrer herrlichen Thymianwiese, ihrem einzigartigen weißen Garten, ihren Nussbäumen, ihrer Linden-Allee und den duftenden Narzissenwiesen.

Sie war eine schöne Frau, Tochter eines Lords, verheiratet mit dem Schriftsteller Harold Nicholson, der wie sie ein Garten-Narr war. Gleich nach ihrer Heirat in der Türkei legten sie gemeinsam ihren ersten Garten an. 1930, wieder zurück in England, kauften sie Sissinghurst, ein verwahrlostes Landgut, viel zu kostspielig, aber mit genügend Platz für ihre phantastischen Vorstellungen.

Vita wollte einen Garten, der in voneinander abgegrenzte Räume aufgeteilt war, mit überraschenden Durchblicken, immer neuen Farben, ständig wechselnden Eindrücken, wenn man von einem Raum in den anderen geht. Hecken, Bänke, verschwiegene Nischen, Mauern, Treppen. Gepflasterte Wege und grüne Pfade, quer durch Wiesen gemäht. Ein Rosengarten, ein Nussgarten mit einem Blumenteppich als Bodendecker, violette Rabatte, ein Bauerngarten in Sonnenuntergangsfarben.

"Ich hatte eine glänzende Idee", schrieb sie. "Auf zwei dem Wind ausgesetzte Beete, auf denen nichts gedeihen wollte, säte ich jede Menge Thymian. Jetzt habe ich eine Art Rasen, der rot und violett blüht und wie ein persischer Teppich im Garten wirkt. Ich will nicht damit prahlen, aber ich kann nicht anders, als mich freuen."

Eine andere Idee war der weiße Garten, wie sie ihn nannte. Dort durfte nur Weißes blühen, unterbrochen bloß von grünen und silbrigen Blattpflanzen. "Wie schön der weiße Rittersporn aussieht, wenn er zwischen dem grauen Laub der Artemisia aufsteigt, mit Wolken von Schleierkraut und Tuffs von weißen Königslilien!"

Vita Sackville-West starb 1962. Sissinghurst wird weiter von einem Heer von Gärtnern unter Obhut des National Trust betreut, einer Einrichtung, die sich den Erhalt der Schönheit englischer Landschaft zur Aufgabe gemacht hat. Seit 1992 ist der Garten für Besucher zu regelmäßigen Zeiten geöffnet. An die 200000 Gartenliebhaber kommen jedes Jahr, um sich von Vitas schönen Träumen verzaubern zu lassen. Ich bin auch dort gewesen und habe nach meiner Rückkehr ein kleines Eck meines Gärtleins in einen weißen Garten verwandelt. Nicht ganz so eindrucksvoll wie in Sissinghurst. Aber doch wenigstens ein kleiner Abglanz.

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