Zeitung Heute : Mein Garten Eden: Wasser

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Von Ursula Friedrich

Genau genommen stehen Gärtnerin und Gärtner vor nur drei grundsätzlichen Problemen. Allerdings handelt es sich um drei sehr schwierige und belastende Probleme, die schlaflose Nächte verursachen und bisher immer noch nicht ideal gelöst sind, trotz mannigfacher Versuche und Ratschläge. Das besonders Problematische ist, dass sie zuverlässig jedes Jahr aufs Neue auftreten.

1. Wann ist der richtige Zeitpunkt im Frühjahr, die Kübelpflanzen ins Freie zu wuchten?

2. Wohin im Herbst mit denselben Kübelpflanzen, die den Sommer über noch größer und schwerer geworden sind?

3. Wer wässert im Urlaub den Garten?

Die beiden ersten Probleme dürfen wir als praktisch unlösbar bezeichnen. Den richtigen Zeitpunkt erwischen wir nie, den richtigen Ort haben wir nicht zur Verfügung. Zu spät, zu früh, zu kalt, zu dunkel. Es sei denn, man schickt die zentnerschweren Lieblinge zu einem Berufsgärtner mit Glashaus in Quarantäne. Was nicht billig ist.

Das dritte Problem liegt uns am meisten auf der Seele. Wollen wir wirklich am Strand liegen, während unsere Pflanzen verdursten? Seit geraumer Zeit bemühen sich Techniker um geeignete Bewässerungsanlagen. Es gibt Tonkegel, Gefäße mit doppelten Böden, Glasfasermatten und Glasfaserdochte, Schlauch- und Pumpanlagen, Wasserreservoirs mit Styroporschwimmern. Manche der Systeme kann man im Eigenbau herstellen, Utensilien und Bauleitung sind in Gartencentern erhältlich. Die Bauanleitungen lesen sich etwas kompliziert: "Zum Bau eines Schwimmerventils benötigen Sie ein Marmeladenglas, eine Schraube mit Mutter, einen Trinkhalm, etwas Gummischlauch und einen Styroporklotz als Schwimmer".

Abgesehen vom Schwierigkeitsgrad ("Feilen Sie die Spitze der Nadel gerade ab und dann die Ränder leicht konisch ..."): Soll das Marmeladenglas meinen ganzen Garten feucht halten? Es gibt neuerdings auch weniger zum Selbstbau geeignete Anlagen mit Niveauregulierungsventilen, die sich nach Regenmenge, Sonnenscheindauer usw. richten, so dass es zu keiner Überwässerung kommen kann. Fachleute halten Überwässerung für fast noch schlimmer als Austrocknung. Die Wurzeln verfaulen, und das bedeutet den Tod für die Pflanze.

Also gut, dann fahren wir halt doch nicht in die Ferien. Es sei denn, wir haben pädagogisches Talent und können unseren Garten im Sinn der Pisa-Studie fortschrittlich erziehen. Das kann man nämlich, erklärte mir jüngst ein Gartensachverständiger am Fernsehschirm. "Jede Pflanze ist lernfähig", sagte er. "Man kann sie zum geringen Wasserverbrauch erziehen." Ungefähr sieben Wochen vor der Abreise soll man mit diesen Umschulungsmaßnahmen anfangen.

Pflanzen, die regelmäßig und reichlich bewässert und ernährt werden, entwickeln eine gewisse Faulheit. Sie bilden zu wenig Wurzeln aus, bemühen sich nicht mehr. Kommt ja von selber, sagen sie sich. Man bewässere sie also sparsam. Das macht sie ausdauernd, genügsam, zäh. Immer ein bisschen weniger gießen, als sie gerne haben möchten. Eine Fastenkur sozusagen. Nach dieser Methode kann man Pflanzen im Garten, auch in Töpfen, die geräumig genug sind, ohne Bedenken zwei Wochen auch ohne Regen allein lassen. Wenn sie ein bisschen trocken aussehen bei der Heimkehr - das macht nichts. Sie erholen sich rasch wieder. Hat der Fachmann im Fernsehen gesagt.

Nächste Woche: Petunien



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