Zeitung Heute : MEIN GARTEN EDEN: Wilder Wein

In Sommer und Herbst sind die wuchernden Ranken eine echte Zierde. Dann werden sie zur Plage.

Ursula Friedrich

Der Nebel steigt, es fällt das Laub/ schenkt ein den Wein, den holden. / Wir wollen uns den grauen Tag vergolden, ja vergolden“, heißt es im Gedicht. Der Wilde Wein ist damit nicht gemeint, der uns im 0ktober auch das Leben vergoldet, wenn er an unserer Hauswand wachsen durfte. An vielen Hauswänden darf er es nicht – die Volksstimmung ist eindeutig gegen ihn. Dass er dem Putz schadet, heißt es, dass er in Ritzen dringt und Mauern nässt oder gar sprengt. Viele Warnungen und übel deutende Unkenrufe werden verbreitet – und dabei ist er doch so herrlich anzuschauen in seiner Herbstpracht.

Leider sind manche dieser Unkenrufe nicht völlig unberechtigt, ich sage das aus Erfahrung, ich habe Wilden Wein rund ums Haus. Wo vorher Risse oder Ritzen im Putz waren, stochert er mit seinen Froschfingern neugierig hinein. Mit ihren kleinen Saugnäpfen bleiben sie überall an der Wand hängen und kleben fest. Das sieht man im Winter. Ein feines, drahtiges schwärzliches Gespinst verdirbt den reinlichen Eindruck der Fassade. „Wann machst du endlich das Zeug weg“, sagt mein Onkel Karl-Herbert, wenn er mich besucht. Er ist schon alt und hat ein schwaches Gedächtnis, sonst müsste er sich doch erinnern, dass er im Sommer immer sagt: „Dein schönes grünes Haus.“

Im Frühjahr bekommt der Wein zarte Blattspitzen, aus denen dreilappige, 20 Zentimeter große Blätter werden, die sich, auch wenn sie noch nicht so schön orange, rot oder violett sind, gut für Tischdekorationen und zum Auspolstern von Obstschalen eignen. Sie wachsen bis zu einer Höhe von 20 Metern, überwuchern Dachrinnen und Dachziegel. Die Blüten sind klein und grüngelb, ganz winzige Trauben entwickeln sich daraus. Sie schmecken offenbar süß, weil im Spätsommer hunderte, tausende, vielleicht sogar Millionen Bienen und Hummeln an meiner Hauswand summen.

Oh, dieser herrliche Wilde Wein namens Parthenocissus tricuspidata, ein Kind Asiens und Nordamerikas. Es ist schon auffallend, dass die meisten ansehnlichen Pflanzen aus weiter Ferne zu uns gekommen sind, mit dem Wind vielleicht oder in Vogelmägen. Ich bin bisher so gut wie nie auf den Vermerk gestoßen, dass ein wunderschönes Flora-Exemplar aus Nordrhein-Westfalen oder Sachsen-Anhalt stammt.

Okay, in Sommer und Herbst ist mein Wein eine echte Gartenzierde. Dann sind die Blätter weg. Nein, nicht einfach weg. Sie liegen handtellergroß auf allen Wegen, sie verstopfen die Dachrinnen, wehen in den Hausgang. Ein Orkan hat bei uns am vergangenen Wochenende wenigstens dafür gesorgt, dass die Blätter nahezu gleichzeitig ihre Stängel verlassen haben. Keine direkte Zierde. Ach, Onkel Karl-Herbert, hoffentlich kommst du nicht so bald.

Ich fege. Fege. Fülle die raschelnden Massen in blaue Säcke. Für den Kompost eignet sich das Laub wegen der Größe der Blätter und ihrer ledrigen Beschaffenheit nicht gut. Habe schon erwogen, einen Laubsauger zu kaufen und alles in der Nacht zu meinen Nachbarn hinüberzublasen. Der Wind, der Wind, das himmlische Kind, würde ich auf Vorhaltungen sagen. Aber es geht nicht. Ein Laubsauger ist das erschütternd lauteste Gartengerät, das man sich denken kann. Damit kann man keine heimliche Lösung finden.

Also fege ich, bis mir der Rücken weh tut. Und freue mich aufs nächste Jahr, wenn die Blätter wieder fest und saftig die Fassade bedecken. Bis zum Spätherbst.

Nächste Woche: Gartengeräte einmotten

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