Zeitung Heute : Mein Garten Eden: Winterlinge

Ursula Friedrich

Der Name klingt nach warmen Socken, Wollfäustlingen, dicker Steppjacke: Winterling. Dabei müsste die zarte gelbe Blume viel passender "Frühling" heißen, oder "Erstling". Denn sie ist die Allererste, die das Köpfchen aus der kalten Erde steckt. Lieb schaut sie in die Welt, fast ohne Stängel. Eine zierliche grüne Halskrause wärmte sie vielleicht ein kleines bisschen.

In diesen für Mitte Februar eher unerwartet warmen Tagen haben sich meine Winterlinge zu einem goldenen Teppich im Staudenbeet versammelt, eng aneinander gedrängt, um sich gegenseitig zu schützen. "Sie blühen wie kleine Sonnen, ein fröhliches Bild an einem Wintermorgen, einem Noch-nicht-Frühlingsmorgen", schreibt Vita Sackville-West. "Ihre weichen Blütenblätter sind erstaunlich widerstandsfähig gegen Frost. Sie kümmern sich einfach nicht darum." Wenn es noch einmal kalt wird, kriechen sie irgendwie in sich zusammen, sehen im Schnee aus wie kleine weiße Kugeln, durch die es goldfarben schimmert. Und heben gleich wieder munter die Häupter, sobald der Schnee schmilzt und die Sonne scheint.

Sie machen überhaupt nichts von sich her, sind einfach da im leeren Beet und verschwinden diskret, sobald die anderen kommen, die größeren, prächtigeren, raumfüllenden Blumen. Richtig verschwunden sind sie nicht, nur unsichtbar. Ihre winzigen Zwiebelchen in der Erde vermehren sich, die schwarzen Samenkörnchen wachsen insgeheim. Und dann, in einem Jahr, sind sie quietschfidel wieder da. Sie wollen nur in Ruhe gelassen werden. Wer die Stelle, an der sie sich eingenistet haben, ständig harkt, gar spatentief umgräbt, vertreibt sie.

Ich habe meine Winterlinge nicht gesät oder gepflanzt. Vögel müssen die Samen herbeigetragen haben - ach, vielleicht ein Dankeschön für die geraubten Kirschen.

Von Europa bis nach Asien sind sieben Arten der Gattung die Frühlingsverkünder. Es freut mich, dass in jedem Februar ein halber Quadratmeter mehr von ihnen erscheinen. Sie lieben, lese ich, basischen durchlässigen Boden und leicht feuchte Bedingungen im Sommer. Ob ihnen mein Garten das gibt, weiß ich nicht. Aber sie mögen es offenbar bei mir unter dem Apfelbaum, am Rand der Hecke, im Staudenbeet. Wenn neben ihnen die Tulpen, die Triebe der Pfingstrosen und Phloxbüsche kommen, wissen sie, dass es Zeit ist, sich zu verabschieden. Dabei lassen sie sich nicht so lange Zeit wie die Narzissen, Tulpen, Krokusse und Schneeglöckchen, die mit ihren lang und hässlich werdenden gelben Blättern für die ästhetische Gärtnerin zum Problem werden. Tschüs, sagen sie, sobald ihre Samen ausgereift sind und auf den Boden fallen können. Der Winterling möchte kein Konkurrent sein.

Wie oft habe ich eigentlich schon geschrieben, dass ich diese oder jene Pflanze besonders liebe? Dann sage ich es halt noch einmal: Winterlinge, genauer: Eranthis hye-malis, sind meine ausgesprochenen Lieblinge. Jedenfalls jetzt, wo die anderen Lieblinge noch pennen.

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