Mein Garten EDEN : Wo die Trolle sich verstecken

Ursula Friedrich

In meinem Vorgarten habe ich unterm Schatten einer großen Birke einen Fleck, auf dem nichts wächst, außer Moos. Kein Gras, kein Gänseblümchen, nicht mal ein Löwenzahn. Er ist aber trotzdem schön grün, der Fleck. Sanft gewellt, mollige kleine Polster von verschiedener Webart, manche sind dunkelgrün und eher struppig, aus anderen wachsen goldfarbene Stängelchen heraus, wieder andere ähneln einer Art niedrigem Thujengeflecht. Alle sind frisch und grün. Einmal, im vergangenen sehr heißen Juli, färbten sie sich braun. Aber das Gras war damals auch braun. Als ich noch einen Hund hatte, lag er sehr gern darauf wie auf einem weichen Kissen.

Mehrere Nachbarn sind schon fürsorglich zu mir gekommen, weil sie um meinen Rasen fürchteten. Sie boten mir stachlige rollende Vertikutierer an, mit deren Hilfe man Moos loskriegt. Und dann würde es sich empfehlen, eine sandige Erdmischung draufzugeben und einen speziellen Schattenrasen zu säen. Der Haken ist nur der: Ich liebe Moos. Auch im Wald, wo es für feuchten Boden sorgt und dafür, dass die Pilze so hübsch darauf aussehen. Es stimmt schon, Moos ist ein Zeichen für Staunässe – aber auch ein Zeichen für gute Luft. Schadstoffkontrolleure haben festgestellt: Wo die Luft sauerstoffarm ist, also in der Stadt, gibt es keine Moose und keine Flechten.

Sie sind sehr, sehr alte und botanisch sehr, sehr kompliziert zu beschreibende Pflanzen. Ein Fachbuch über Moose und deren Vermehrung hat mich verzagen lassen. Vor 400 Millionen Jahren kamen sie bereits auf unserer Erde vor, vor circa 200 Millionen Jahren beherrschten sie mit etwas weiter entwickelten aber immer noch niederen Pflanzen wie den Farnen und Schachtelhalmen die gesamte Vegetation. Sie vermehren sich ungeschlechtlich, durch Bakterien, pilzähnliche Methoden, durch Sporen, es gibt Briophyten und Sporophyten. Sie haben meist keine Wurzeln, höchstens ganz kleine Härchen unten dran. Man kann sie leicht für Ostereiernester abräumen.

Moos im Rasen kann nicht nur durch den Eisenrechen, sondern auch durch eine Gabe von Eisen-II-Sulfat beseitigt werden. Leicht ist es nicht, weil es ungefähr 20 000 verschiedene Sorten gibt, die, wie wir durch die millionenschwere Geschichte wissen, haltbarer sind als der Mensch und von der Arktis bis nach Mitteleuropa, sogar im Urwald verteilt sind. Nur nicht im Eis.

Islandmoos wird bei uns getrocknet und als Hustenmedizin gerühmt. In Island fressen es die Pferdchen und Schafe. Vergessen wir nicht den schönen Grabkranzschmuck, den Islandmoos uns liefert. In seiner Heimat, sagen sie, ist es das Sommerversteck der Trolle. Wer weiß, vielleicht gibt es ganz winzig kleine Trolle auch in meinem Garten. Ursula Friedrich

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