Zeitung Heute : Mein Garten Eden: Zeit zum Mähen

Ursula Friedrich

Nicht zu früh mähen, warten bis die Schneeglöckchen und Krokusse "eingezogen" haben, wie der Fachmann sagt. Also gelb und langstängelig geworden sind. Kein schöner Anblick, aber dieses Moratorium kommt meiner Frühjahrsmüdigkeit entgegen. Wenn ringsherum bereits überall die Motoren brummen, die Vertikutierer rupfen und die Rasenlüfter mit ihren kleinen Messerchen den Boden aufreißen, damit Sauerstoff an die Wurzeln kann, befindet sich mein Gewissen in überzeugtem Ruhestand. Wartet nur bis zum nächsten Frühjahr, wer hat dann die schönsten und meisten Frühlingsblüher? Ich. Jawohl, weil ich meinen Zwiebelchen den ungestörten Rückzug gönne, was sehr zu ihrer Vermehrung beiträgt.

Anfang Mai war es noch einmal sehr kalt, viel zu kalt zum Mähen. Außerdem blühte der Löwenzahn gerade so hübsch. Dann, Mitte Mai, auf einmal die Explosion: ein paar warme Tage, und alles schoss in die Höhe. Ampfer, Brennnesseln, Grashalme und vor allem die bleichen Stängel des Löwenzahns mit kahlen weißen Stempeln obendrein, längst waren die Kugeln aus leichten Fallschirmchen davongeflogen. Wieder mal den rechten Zeitpunkt verpasst, alles bereits versamt. Mähe nicht zu spät - diesen anderen Ratschlag habe ich leider verschlafen.

Ich habe mir einen Elektromäher gekauft, weil der auf Knopfdruck anspringt. Als Gegenleistung muss man aufpassen, dass man das Kabel nicht durchmäht. Frischauf, sage ich mir an einem sonnigen Nachmittag in der letzten Woche und nähere mich meinem Rasen. Quatsch, meiner Wiese. Auch Quatsch - was ich vorhabe, ist die Rodung meines Urwalds. So ähnlich müssen die Siedler im Wilden Westen empfunden haben, nur ohne Knopfdruck.

Mein Herz blutet von der ersten Messer-Rotation an. Ganz unten in Erdnähe blüht schüchtern der blaue Gundermann. Ich muss über ihn drüberfahren, muss ihn zerfetzen. Eine kleine Insel aus Gänseblümchen am Rand lasse ich stehen. Aber wie schützt man himmelblaues zartes Vergissmeinnicht inmitten sparriger Halme? Zwei knospige Lichtnelken entdecke ich - wusch, drüber. Butterblumen, weg damit. Zwischen fast mannshohem (vielleicht übertreibe ich jetzt ein bisschen) Giersch stehen vereinzelte Margeriten. Der Motor stirbt ab, ich muss die Maschine umlegen und Löwenzahnschlangen zwischen Messer und Gehäuse herausziehen. Nach einer halben Stunde ergreift einen die Kaltherzigkeit des Mörders. Weg, weg mit allem, zerhacken, zerstückeln. Hauptsache, die Maschine - dröhn, dröhn - bahnt sich ihren Weg. Ich möchte so gern eine richtige Wiese. Aber die ist kein Naturgeschenk, o nein, die muss man gestalten, damit alles ungefähr die gleiche Höhe hat und im Winde wogt.

Ich kaufe mir ein Spezial-Wiesen-Gartenheft. Man darf so eine Wiese zum Beispiel nicht betreten, sonst ist die Schönheit gleich weg. Man mäht mit dem Mäher einen schmalen, geschwungenen Pfad in die Wiese, wartet mit dem Gesamtschnitt, bis alles verblüht ist. Und falls man sich eine Naturwiese neu anlegen will, da gibt es einen guten Tipp vom Fachmann: ein Jahr lang pflanzt man Kartoffeln auf dem vorgesehenen Terrain. Das ist die beste Vorbereitung. O je.

Nächste Woche: Steine im Garten

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar