Zeitung Heute : Mein geschehe Wille

Wer entscheidet über das Ende, wenn es der Sterbende nicht mehr kann? Der Streitfall Patientenverfügung.

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Von JosefOtto Freudenreich So muss eine Frau wohl gebaut sein, wenn sie viele Feinde hat: ein Meter 81 Meter groß, das Kreuz durchgedrückt. Den Blick hat sie auf ihr Gegenüber geheftet, als gelte es, eine Lüge sofort zu entlarven. Sie bevorzugt schwarze Hosenanzüge – bevor sie in ihrem schwarzen VW-Beetle ins Fernsehstudio fährt, hat sie Mühe, in ihrem Kleiderschrank etwas Buntes zu finden. Meistens kramt sie ein rosa Twinset hervor, weil die Redakteure meinen, es wäre gut, wenn sie schwarz vermeiden würde. Das Thema sei düster genug. Dann fragt sie: „Soll ich auch meinen Kopf auswechseln?“

Petra Vetter betreibt ihre Arbeit mit großem Ernst. Sie sei kein ,,Mietmaul“, sagt die 38-jährige Juristin, sie sei also keine von denen, die ihre Meinung am Geldbeutel des Mandanten ausrichtet. Darin ähnelt sie ihrem Kollegen, dem Münchner Anwalt Wolfgang Putz, von dem sie viel gelernt hat. Ihr Mentor gilt als Pionier des Medizinrechts, als erfahrener Spezialist in der Begleitung von Sterbehilfefällen. Beide zusammen sind damit eine Provokation für alle, die das Leben um jeden Preis erhalten wollen.

Wer sich auf so etwas einläßt, muss kühl bleiben, gerade bei diesem emotional hoch aufgeladenen Thema. Wer will schon angeschlossen an die Schläuche der Apparatemedizin sterben, ohne Einfluss auf das Wie und das Wie lange? Sieben Millionen Patientenverfügungen in Deutschland, die das verhindern sollen, sprechen eine deutliche Sprache. Wer aber entscheidet über den Tod, wenn es der Sterbende nicht mehr kann? Die Angehörigen, die Ärzte, die Gerichte? Die Debatte um die amerikanische Komapatientin Terri Schiavo hat vor einiger Zeit bewiesen, welche Ängste damit aufgewühlt werden.

Petra Vetter weiß, wovon sie redet. Die gebürtige Mülheimerin erzählt von ihrem Vater, den sie geliebt hat, und der plötzlich nicht mehr wieder zu erkennen war. Er war aggressiv und vergesslich, er taumelte und war desorientiert. Das sei wohl Alzheimer, meinten die Ärzte und ließen die Familie mit dieser Diagnose alleine. Erst später stellte sich heraus, dass es ein Hirnkrebs war, der nicht mehr behandelt werden konnte. Im Krankenhaus heißt das ,,austherapiert“, und bedeutet, dass die Verwandten einen Platz zum Sterben finden müssen. Die Tochter hat ihn im Stuttgarter Marienhospital gefunden, wo ihr Vater im Januar 1998 friedlich eingeschlafen ist. Auf der Palliativstation, wo sich Ärzte und Pfleger um ihn, Psychologen um sie gekümmert haben. Einfühlsame Menschen, die wissen, wie man Todkranke und ihre Angehörigen begleiten muss, ohne sie zu quälen.

Sie hat das als großes Glück empfunden, sagt sie, weil es dazu keines Kampfes bedurfte, den sie anderswo hätte durchfechten müssen. Ihr Vater hatte weder eine Patientenverfügung unterschrieben, noch einen Bevollmächtigten ernannt, der sie hätte durchsetzen können. Vetter nennt diese Arbeit die Initialzündung für ihre Arbeit, die nur wenige Anwälte bisher auf sich nehmen wollten. Da ist es nicht damit getan, scharfsinnige Schriftsätze zu verfassen oder flammende Plädoyers zu halten, da sind Mandanten in der Kanzlei, die von Zweifeln gepeinigt sind, ob es richtig ist oder falsch, was sie fühlen, denken und entscheiden sollen. Über ihr Handy ist Petra Vetter rund um die Uhr für sie erreichbar. Es seien die Erfahrungen mit ihrem Vater, sagt sie, die sie verstehen ließen, was die Angehörigen empfinden; ihre eigenen Ängste, die sie in die Lage versetzten, emotional aufzufangen, was an Ängsten außer Kontrolle zu geraten droht. Da sind Ärzte, die Patientenverfügungen grundsätzlich für irrelevant erklären, Pflegeheimleiter, die nichts mehr fürchten, als im Ruf zu stehen, aktive Sterbehilfe zu leisten. ,,Für sie“, sagt die Frau, die in einen Stuttgarter CDU-Haushalt eingeheiratet hat, ,,bin ich immer der Feind.“ Wenn es ihr zu viel wird, hört sie Abba.

Der Streit müsste so nicht sein, meint Vetter, wenn ihre Gegner Kenntnis von zwei elementaren Grundlagen hätten: vom geltenden Recht und dem Willen des Patienten. Kein Arzt, betont die Medizinrechtlerin, mache sich strafbar, wenn er Sterbehilfe leiste – immer unter der Voraussetzung, dass der entsprechende Wunsch des Betroffenen klar erkennbar sei. Genau hier beginnt das Problem und die Arbeit Vetters. In den meisten Fällen sind die Patientenverfügungen nicht präzise genug, nicht aktualisiert worden, oder auf einem der 180 umlaufenden Musterformulare geschrieben, von denen viele vor Leerformeln (,,Ich will keine Schläuche an mir“) strotzen. Ihre eigene umfasst neun Seiten und ist in ihrem Buch nachzulesen (,,Selbstbestimmung am Lebensende“, Richard Boorberg Verlag), das eine sehr informative Handreichung für alle ist, die Genaueres wissen wollen.

Was aber ist, wenn keine Verfügung vorliegt? Dann sucht Vetter, die Mutter zweier kleiner Kinder, zusammen mit den Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen des Kranken. Gibt es Briefe, in denen er sich zum Tod äußert? Hat er in gesunden Tagen über Sterben und Leiden gesprochen? Ist er religiös? Wie ist er früher mit Schicksalsschlägen umgegangen? Gibt es Unerledigtes? Die Antworten auf diese Fragen würden sich die Verwandten nie leicht machen, sagt die Christin Vetter. Nie habe sie es in sieben Jahren erlebt, dass sich ein Erbschleicher unter ihren Mandanten befunden habe, dem es mit dem Abschalten nicht schnell genug gehen konnte. Und wenn sie in den stundenlangen Gesprächen, die oft von Verzweiflung und Angst geprägt sind, feststellt, dass der Wille nicht ermittelbar ist, empfiehlt sie den Grundsatz: In dubio pro vita.

Petra Vetter weiß, dass sie sich auf einem Feld bewegt, das nicht mit Paragraphen einzuzäunen ist. Wenn sie in Ethikkommissionen sitzt, mit Kirchenvertretern und Ärzten spricht, wird immer darüber gestritten, was es mit der Autonomie des Einzelnen auf sich hat. Ob er nicht Moden und Trends ausgesetzt ist, die schon morgen nicht mehr gelten. Ob er nicht in die Falle all jener tappt, die das Gesundheitswesen ohnehin nicht mehr für bezahlbar und das selbstbestimmte Sterben für eine kostendämpfende Maßnahme halten.

Solche Debatten hört sich Vetter geduldig an, weil sie notwendig sind. Sie runzelt nur die Stirn, wenn mit Argumenten gekämpft wird, die autonome Entscheidungen, das Lebensende betreffend, grundsätzlich für unmöglich erklären. So wie es Antje Vollmer, die Vizepräsidentin des Bundestages, tut, wenn sie meint, Patientenverfügungen seien ,,reine Fiktion“, weil sie möglicherweise ,,in Zeiten seelischer Verlassenheit“ abgefasst worden seien, aus Angst vor dem Ausgeliefertsein an eine ,,als kalt empfundene Medizin“, vor ,,unzureichender Schmerzbehandlung“ und vor allem aus der Befürchtung heraus, den eigenen Angehörigen ,,zur Last zu fallen“. Das passt nicht in das Bild der selbstbewussten Mutter, die gelernt hat, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. ,,Die Menschenwürde schützt den Menschen auch davor“, sagt Vetter, ,,zum Objekt der Menschenwürdedefinition eines anderen zu werden.“

Eine alte Dame hat sie jüngst gefragt, ob sie sich ein ,,PEG NO“ auf den Bauch tätowieren lassen müsse. Zur Sicherheit, sozusagen. PEG, so heißt die Magensonde, über die künstlich ernährt wird.

Auf Vetters Schreibtisch in der Stuttgarter Kanzlei Hansis liegt die Trauerkarte einer Mandantin, die gerade ihre 83-jährige Mutter bestattet hat. Sie bedankt sich für die Unterstützung, und will noch einmal festhalten, ,,wie schlimm es ist, dass man diesen Weg einschlagen muss“. Dieser Weg ist eine Leidensgeschichte, die Petra Vetter immer wieder erlebt: Maria Schmude (Name geändert) hat mehrere Schlaganfälle überlebt. Nach ihrem letzten muss sie künstlich ernährt werden. Die alte Dame, die früher so gerne Bridge gespielt hat, kann nicht mehr sprechen und ist weitgehend gelähmt. Auf einer Buchstabentafel bildet sie die Sätze ,,Ich will eine Leiche sein“ und ,,etwas geben, dass ich tot sein kann“. Später kann sie auch keine Buchstaben mehr deuten, nur noch die Augen schließen, was „nein“ bedeutet, oder blinzeln, was „ja“ heißt.

Um dieses Elend zu verhindern, hat Maria Schmude 1995 eine Patientenverfügung abgefasst. Darin hält sie fest, dass sie keine Maßnahmen wünscht, die ihr Leiden verlängern. Sie wolle ihr Leben ,,in Stille und Würde“ vollenden. Für den behandelnden Arzt ist das Schriftstück bedeutungslos. Er lasse niemanden verhungern oder verdursten, sagt er den Angehörigen, die mit einer Vollmacht ausgestattet sind. Das sei aktive Sterbehilfe, und das könne er vor seinem Gewissen nicht verantworten, und mit dem Staatsanwalt wolle er es auch nicht zu tun bekommen. Vetter versucht, ihm die Rechtslage zu erklären und spricht von ,,legaler passiver Sterbehilfe“ – erfolglos. Die juristischen Kenntnisse der Ärzte seien erschreckend häufig schlecht, so ihre Bilanz nach zahlreichen Schulungen. Und sie nennt noch weitere Gründe für die Blockade: Die Mediziner fürchten den mündigen Patienten, der ihre Allmacht in Frage stellt, oder die Perspektive, zum bloßen Dienstleister degradiert zu werden.

Auch die Leiterin des Pflegeheims lässt nicht mit sich reden. Das könne sie ihrem Trägerverband gegenüber nicht verantworten, begründet sie ihre Ablehnung. Aber die Tochter, bietet die Verwalterin mit Blick auf die hochgewachsene Anwältin an, könne ihre Mutter ja nach Hause mitnehmen. Das hat sie getan und dort hat Maria Schmude ein ,,sanftes Ende“ gefunden. So steht es in der Traueranzeige, auf die Petra Vetter ein klein wenig stolz ist.

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