Zeitung Heute : Mein Gott!

Der Tagesspiegel

Von Andreas Conrad

Und der Herr sprach: „Tragt das weg von hier und macht nicht meines Vaters Haus zum Kaufhaus.“ Also steht es geschrieben, und einer wie Landesbischof Huber ist natürlich bibelfest genug, dies zu wissen. Jesus hat einst Händler und Wechsler aus dem Tempel Gottes vertrieben, hat somit der strenge Geistliche ihn selbst auf seiner Seite, wenn er die heutige Shopping-Nacht als gottlosen Budenzauber geißelt? Wenn er gar rügt, sie entspreche dem christlichen Osterfest ebensowenig wie Ostereiersuchen am Karfreitag? Fragen über Fragen und das so kurz vorm Fest. Der Aspekt, dass Eier als ursprünglich österliche Ingredienzien sich mehr und mehr aufs ganze Jahr verteilen, soll hier nur am Rande gestreift werden. Jedem Elternteil, dem der Nachwuchs bei jedem Einkaufen ein Überraschungsei aus dem Geldbeutel zu leiern versucht, wird diese Behauptung sofort einleuchten. Aber auch die kinderlosen Konsumenten hat der gute Bischof zu voreilig mit seinem Donnerwort verschreckt. Waren sie nicht glücklich, dieses Jahr den Einkaufsstress los zu sein und die nötigen Geschenke noch bis weit in die Nacht hinein in wohlsortierten Geschäften erwerben zu können? Der abendliche Besuch der nächsten Tankstelle, unter fadenscheinigsten Begründungen, war er gottgefälliger als der geordnete Bummel am Abend vor dem Osterfest? Sollen nur die Griechen guten Gewissens einkaufen können, weil sie später Ostern feiern? Sire, geben Sie Kauffreiheit!

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