Zeitung Heute : Mein Haus, mein Auto, mein…

Der Bestseller-Autor Alain de Botton sagt: Seien Sie ruhig neidisch, stehen Sie zu Ihrer Eifersucht, denn nur so kann etwas aus Ihnen werden. Er hat dafür einen neuen Begriff geprägt: Statusangst. Ein Hausbesuch.

Susanne Kippenberger

Goldene Wasserhähne, weißer Marmor, indische Seide an der Wand, Ballsaal, Kino und Friseursalon, ein Swimmingpool, versteht sich, und eine Garage für 20 Autos – 5500 Quadratmeter insgesamt: Das ist das teuerste Eigenheim der Welt. Bis vor zwei Wochen hat die Londoner Villa noch Bernie Ecclestone gehört, ein Geschenk für seine Frau; aber Slavicza gefiel der Palast in Kensington nicht. Jetzt hat der Formel-1-Chef das Traumhaus, in das das Paar nie eingezogen ist, für 105 Millionen Euro an den Inder Lakshmi Mittal verkauft – und damit alle Preisrekorde gebrochen.

Neidisch? Fühlen Sie womöglich Hass oder Verachtung? Lieber nicht. Mitgefühl empfiehlt Alain de Botton in Fällen wie diesem. Denn, so die These des Londoner Schriftstellers, die armen Milliardäre greifen doch nur deshalb nach Statussymbolen, weil sie wollen, was wir uns alle wünschen: geliebt zu werden. Nicht nur von Frau und Kind, nein, von der ganzen Welt.

Das ist das Geheimnis der „Statusangst“, wie Alain de Botton sein jüngstes Buch genannt hat, das gerade bei S. Fischer erschienen ist, und über das der Autor am Mittwoch in Berlin (im Haus der „FAZ“ in Mitte) diskutieren wird. In der Liebe kennt der 35-Jährige sich aus: Mit seinem Debütroman „Versuch über die Liebe“ ist er vor elf Jahren bekannt geworden. Inzwischen hat er, was man in seinem Alter haben muss, eine Frau, ein Haus, bald auch ein Kind. Keine Villa – ein viktorianisches Reihenhaus im nicht so feinen Hammersmith gleich hinter Kensington, ohne goldene Wasserhähne, die wären dem Schöngeist zu ordinär. Leisten könnte er sich den Luxus schon, der Sohn aus feinstem Schweizer Hause, der in England das Internat besuchte, in Cambridge Geschichte und Philosophie studierte und heute in London Bücher schreibt, eins erfolgreicher als das andere – egal, ob er sich darin der Liebe widmet, der Philosophie, Proust oder dem Reisen.

60 000 Exemplare in vier Wochen

Und wieder hat er den Zeitgeist erfasst. „Status Anxiety“, das Wort, das es so bisher noch nicht gab, ist so griffig, dass die Briten es ihrem Wortschatz sofort einverleibt haben. Und die Kritiker? Alain de Botton zuckt mit den Schultern: „Die Hälfte ist begeistert, die andere entsetzt – aber die Leser kaufen es“: 60 000 Exemplare in den ersten vier Wochen, Bestsellerplatz drei. Denn Alain de Botton spricht aus, was viele denken und fühlen, aber nicht sagen können – oder wollen. Keine Angst, flüstert der Autor ihnen zu. Keine Angst vor dem Neid Ihrer Kollegen, vor Ihren eigenen hässlichen Gefühlen. Keine Angst vor Statusangst.

Ich bin okay, du bist okay, Statusangst ist okay: Das ist, kurz gefasst, die Botschaft von Alain de Bottons Buch. Seien Sie ruhig neidisch auf Ihre Freundin, wenn sie den Literaturpreis bekommt, den Sie gern gehabt hätten. Bekennen Sie sich zur Eifersucht auf den Freund, der die Millionärstochter zum Altar führt oder den BMW kauft, den Sie sich nicht leisten können. Denn, so das Argument, ohne Statusangst kein Fortschritt, keine Kreativität. Wer glücklich und zufrieden in seinem Sessel sitzt, steht nicht auf, um die Welt zu bewegen. Zehn Prozent der Menschen, das hat ein Psychologe dem Autor mal verraten, seien geistig und seelisch wirklich gesund. „Aber von denen hört man nichts, weil sie keine Bücher schreiben, keine Vorträge halten, keine Weltunternehmen leiten.“

In seinem Buch sagt Alain de Botton nicht „Ihr“, sondern „Wir“, das ist Teil seines Erfolgs. Vor de Botton sind alle gleich: der Neureiche mit dem dicken Auto wie der Intellektuelle, der mit seiner 15 Jahre alten klapprigen Kiste herumkurvt, weil sich das in seinen Kreisen so gehört, und der weniger nach materiellen Statussymbolen lechzt als nach dem Lehrstuhl in Oxford. Wer würde nicht gern Herr Professor sein?

Auch Alain de Botton wollte das einmal. Aber jahrelang als kleiner Assistent vor sich hin brüten? Dann doch lieber gleich hauptberuflich Bestseller schreiben. Als Literat, und als solcher begreift de Botton sich, fühlt er sich befreit vom Zwang der Wissenschaft, alles beweisen zu müssen. Und verallgemeinert, vereinfacht die Welt. Ob es nicht problematisch sei, fragt man ihn, so zu tun, als wären die Menschen alle gleich, jeder getrieben von derselben Statusangst, unabhängig von Geschlecht, Temperament und Charakter? Ob man seinen Kindern nicht ein gesundes Selbstbewusstsein und moralische Werte vermitteln könnte, so dass sie nicht immer nach der Meinung der anderen schielen? Ob für Männer das Auto als Statussymbol nicht wichtiger sei als für Frauen? De Botton wischt das höflich weg: Er kenne sehr wohl Frauen, die Wert auf dicke Autos legten. Mit Statistiken beweisen muss der Literat, der sich in der Tradition von La Rochefoucaulds Aphorismen, von Prousts Reflexionen sieht, nichts. Er bietet Ideen zum Anprobieren – entweder sie passen einem oder nicht.

Es war die eigene Statusangst und die seiner Freunde, sagt de Botton, die ihn erst auf das Thema gebracht hatten – nach der Studienzeit, als plötzlich Konkurrenz zu spüren war. Aber der Gipfel seines Kummers war schon überschritten, als er mit dem Schreiben begann: Denn den Mittelweg zwischen zu viel und zu wenig Statusangst zu finden, das ist für den angehenden Familienvater Teil des Älter- und Erwachsenwerdens. Nicht mehr allen Leuten gefallen zu wollen, aber die Meinung anderer auch nicht ganz zu ignorieren, sich allerdings die richtigen, für einen selber wichtigen Leute auszusuchen – bei Schopenhauer habe er diese „intelligente Misanthropie“ entdeckt. Und wer sich von der Statusangst erdrückt fühlt, dem empfiehlt de Botton an den Tod zu denken: Dann würde man klarer erkennen, was einem wirklich wichtig ist.

Der amerikanische Albtraum

„Statusangst“ ist kein Buch über Armani-Anzüge und Rolex-Uhren, Möchtegern-Stars und Yuppies auf der Karriereleiter. Der Historiker will das Buch eher als „Geschichte des modernen Westens" begreifen. Eine Geschichte darüber, wie Gott und der Zufall aus unserem Leben verschwanden. Früher, so die Argumentation, musste der Erfolglose sich nicht grämen: Für Gott war nur der Status unserer Seele wichtig, irdische Reichtümer spielten im Himmel keine Rolle mehr. Heute helfen uns weder Glaube noch Aberglaube. Wer sich bei seiner Beförderung aufs Glück beruft, meint de Botton, wird für verrückt erklärt, wer für seine Entlassung allein sein Pech verantwortlich macht, dem begegnet man mit Misstrauen. Der amerikanische (Alb-)Traum hat die ganze Welt erfasst: die Idee, dass wir alle unseres eigenen Glückes Schmied sind – also auch unseres Pechs.

Sich ständig beweisen zu müssen, dauernd zu fragen, was bin ich wert, was denken die anderen von mir, ist eine enorme Belastung. Und ein Grund, glaubt Alain de Botton, warum gerade junge, erfolgreiche Leute heute so gern wandern gehen: um diesen Druck los zu werden. „Die Natur will nichts von uns, sie beurteilt uns nicht. Als William Wordsworth, der Poet, mal gefragt wurde, warum er die Natur so möge, hat er gesagt: ,Weil sie keine Meinungen über mich hat.’“

De Botton weist auf die Lücke hin, die sich in der säkularisierten Gesellschaft auftut. Und füllt sie in gewisser Weise selber aus. Nicht so wie der amerikanische Selbsthilfeguru Les Brown, den de Botton für seinen Film über die Statusangst getroffen hat, ein Motivationstrainer, der den Leuten einheizt, ihnen verspricht, dass sie alles werden können, wenn sie wollen – aber wehe, sie wollen nicht. Nein, dazu ist der Schweizer zu fein, auch zu intelligent, zu ironisch.

Und doch hat auch er, ein Star ohne Allüren, der E-Mails innerhalb von Sekunden beantwortet, etwas von einem Laienprediger, der gerne mal Literatur zur Lebenshilfe empfiehlt, als moralischen Leitfaden. Romane, erklärt er uns, lehren uns, Sympathie zu entwickeln für die Versager.

Alain de Botton schreibt Bücher fürs geistige Wohlgefühl. Er vermittelt dem Leser den Eindruck, Kant und Schopenhauer gelesen und auch noch verstanden zu haben, öffnet ihm für Vieles die Augen, erlaubt ihm hässliche Gefühle wie Eifersucht und Neid. Aber für einen Kuschelautor ist sein Ansatz vielleicht zu ungewöhnlich (und die Lektüre nicht einfach genug). Vielleicht hängt das auch mit seiner Position zusammen: Er gehört zur guten britischen Gesellschaft und steht doch ein wenig am Rande. In Zürich geboren, Muttersprache Französisch, spricht und schreibt er längst makelloses Cambridge-Englisch, wirkt mit seiner liebenswürdig-distanzierten Höflichkeit wie ein junger englischer Gentleman. Aber in seinem Pass steht, dass er Schweizer ist. Und in seinem Herzen ist er Holländer. Das hat er in seinem letzten Buch, über die Kunst des Reisens, angedeutet, das bestätigt er im Gespräch.

So wohnt er auch, wie er sagt, holländisch. In einem der alten Reihenhäuser, wie es sie hier kilometerweise gibt, das aber aus der Reihe springt: Es ist das Einzige, das keine scheußlichen Gardinen hat. Auch keine geblümten Tapeten, keine gemusterten Teppiche, nicht diese schweren düsteren Möbel, die Alain de Botton so deprimierend fand, als er nach England kam. Stattdessen: viel Licht und Luft und Klarheit, weiße Wände, Dielenboden, moderne Möbel, die behaglich sind.

Holländer, findet der Schweizer, sind durch und durch modern. „Die Briten mit ihrer ruhmreichen, aber schwierigen Geschichte wurden mit Ende des Zweiten Weltkriegs auf brutale Weise in die moderne Welt eingeführt. Und sind immer noch dabei, es zu verdauen.“ In der Architektur zum Beispiel, mit der er sich in seinem nächsten Buch beschäftigt. „Es gibt eine unglaubliche Nostalgie für das ländliche Leben. Auch wenn die meisten Leute ganz anders leben. Deswegen erstrecken sich diese englischen Vororte kilometerweit, alle tun so, als würden sie auf dem Land leben, dabei zerstören sie es.“ Um die Psychologie der Architektur, ihren Einfluss auf unser Befinden, geht es in seinem nächsten Werk. Und schon wieder hat es das Zeug zu einem Bestseller, widmet es sich doch einer so simplen wie zentralen Frage: „Warum sind eigentlich so viele Orte auf der Welt so hässlich?“

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