Zeitung Heute : "Mein Hotelknigge": Champagner aus dem Schuh der Liebsten schlürfen

Elisabeth Binder

Hoteliers haben Hobbys wie Normalsterbliche auch. Aber wenige sind ihrem Beruf so ergeben, dass sie ihre Gäste von den Hobbys profitieren lassen. Hermann Bareiss ist der Poet unter den Hoteliers. Mit blumig geschriebenen Ratgebern zieht er sich Gäste heran, wie sie die Chefs von Luxushotels lieben: Parkettsicher, selbstbewusst, großzügig, rücksichtsvoll, unverkrampft.

Bareiss kennt die Knackpunkte, den Konflikt zwischen Rauchern und Nichtrauchern etwa, den er als eine Auseinandersetzung "nachgerade christologischen Ausmaßes" erfahren hat. Offensiv wirbt er um Toleranz im Sterne-Restaurant. Man muss den Teller nicht unbedingt leer essen, und man ist keine Rechenschaft schuldig, warum man es nicht tut. Man darf sich sogar ganz andere Extravaganzen leisten: "Ob dazu gehört, den Champagner aus dem Schuh der Liebsten zu schlürfen oder sich dieselbe zur Lustmaximierung auf den Schoß zu setzen, wie Rembrandt seine Saskia auf dem berühmten Selbstbildnis, das bleibt dem individuellen Bedürfnis nach ikonographischer Selbstdarstellung in der Geschichte der Gourmandise überlassen ..."

Es gibt aber auch zum Nachdenken anregende Passagen. Dazu zählt das Kapitel über Klauen in Hotels. Wobei die Tante des Autors eine gewisse Rolle spielt, die eine große Sammlerin von Hotelutensilien gewesen sein muss. Wie sie dem Neffen stolz ihre Beute vorführt, sieht man förmlich das berühmte blendaxweiße Lächeln des Hotel-Chefs unter der Last erinnerter Schwund-Bilanzen ersterben.

Thema Trinkgeld

Es gibt Dinge, die man kennen muss, etwa das Fahrstuhlritual, das Besucher von Luxushotels in aller Regel aber völlig internalisiert haben. Dass der gute Sommelier in einer Gesellschaft Priestern den Wein zuerst einschenkt, dann den Damen, dann den Herren gehört hingegen in einer säkularisierten Welt nicht unbedingt zur Allgemeinbildung. Das Thema Trinkgeld fasst der Autor mit leicht spitzen Fingern an, rät dem wohlmeinenden Gast, nicht knickrig zu sein, aber auch nicht den Eindruck zu erwecken, er wolle sich die Liebe seiner Umwelt erkaufen. Die Aufrufe zur Toleranz ziehen sich wie ein roter Faden durch das Büchlein. So dass als Hauptbotschaft bleibt: Wenn man nur guten Willens ist, kann man gar nicht viel falsch machen.

Manches, was ein leidgeprüfter Hotelier erlebt, mag dem häufigen Hotelgast (im schlechten Teil seines Gewissens) bekannt vorkommen: Das leidige Thema Liegen blockieren etwa. Anderes mag neu sein und hoffentlich nicht Anlass zum Nachahmen geben. Dass es Gäste gibt, die dreist genug sind, das in einer Hotelboutique gekaufte Kleid zum Abendessen zu tragen und am nächsten Tag wieder umzutauschen, zeigt, obwohl nur in Andeutungen berichtet, deutlich erweiterte Schamgrenzen auf.

Wer da denkt, ein Hotel-Benimm-Buch sei doch etwas sehr Spezielles, kennt die Menschen nicht. Wer sie kennt, weiß: Es kann überhaupt nicht genug Benimm-Bücher geben auf der Welt.

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