Zeitung Heute : Mein klassisches Leben: Die Jungs von der Poststelle

Christine Lemke-Matwey

Dass die Kritikerin/der Kritiker immer an allem schuld ist, daran, so dachte ich, hätte ich mich ganz gut gewöhnt. Pustekuchen. Eine zarte Mutmaßung, dass der amerikanische Geiger X, der sehr amerikanisch aussieht, in seinen gebuildeten Body wesentlich mehr investiere als in so manche Partitur - und schon kriegen die netten Jungs von der Poststelle schlechte Laune. Sie sind es nämlich, die, bodymäßig weit weniger gebuildet, all die Waschkörbe in den vierten Stock des Redaktionsgebäudes wuchten müssen. Waschkörbe voller bitterböser Briefe. Gemeinsamer Tenor: Wer sich - noch dazu als Frau! - in solchen Verbalinjurien suhle, sei ja bloß eifersüchtig und eine frustrierte Jungfer und würde nie im Leben ein solches Götterbild von einem Mann "abkriegen". Oder: Eine kleine psychologische Spekulation darüber, warum die Primadonna Y noch mit über 70 unbedingt und bis zum Bauchnabel ihr welkes Dekolleté zur Schau stellen müsse - schon frohlockt es an der Front, Neid, na klar, was sonst, und man selber hätte "oben rum" wohl nichts zu bieten. Abgesehen davon, dass dies, äh, vergleichsweise stimmt, hilft es der Poststelle auch nicht weiter. Sagt der Redakteur, und der kennt die Jungs schon etwas länger.

Als Trost bleibt, dass man sich selten ganz allein unter derlei Anwürfen duckt, die liebe Kollegenschar duckt fleißig mit, manche jedenfalls. Bei Mathias Döpfner indes, dem Zweimetermann vom Axel-Springer-Verlag, fällt diese Vorstellung schwer, ebenso, dass auch er, der Karrierekönig der Branche, einst "ganz klein" angefangen habe, als Musikkritiker nämlich, zu Frankfurt/Main und blutjung. Wie dem auch sei: Das Feuilleton der FAZ erfrischte uns diese Woche mit der These, dass am Crash des Kirch-Konzerns niemand anderes schuld sei als Döpfner, Springer & Co. und also, letztlich, die Musikkritik. Unerhört? Zu viel der Ehre? Man bedenke: Irgendwo wird eine Regisseurin zur Hölle gewünscht (was einfach ist) oder ein langnasiger Tenor in den Himmel gehoben (was noch einfacher ist), und schon machen sich am anderen Ende der Welt ganze Bürogemeinschaften von Insolvenzverwaltern ans Werk, rast der nächste FC Dagobert 04 in den Ruin. Postwendend sozusagen und magischen Impulsen gehorchend, die da murmeln: Wer nicht weiß, was das Deutschverzeichnis ist, oder wie viele Kreuze Fis-Dur hat, dem sei auf dieser Welt kein Glück beschieden. Alle Macht der Musik?

Wahrscheinlich ist das Ganze überhaupt nicht musisch oder magisch. Wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Poststelle. Denn wäre die Bewerbung des blutjungen, alsbald unter dem Kürzel "moc." Furore machenden Döpfner nicht korrekt zugestellt worden, sintemal am Main, wer weiß, wie es heute um Herrn Kirch bestellt wäre? Wobei ich die Jungs von der FAZ nun wirklich nicht kenne. Und der Redakteur leider auch nicht.

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