Zeitung Heute : Mein klassisches Leben: Lieben Sie Brahms?

Christine Lemke-Matwey

Was haben wir gekämpft, was gestritten. Uns um Haaresbreite mit Folianten und dickleibigen Lexika ("Die Musik in Geschichte und Gegenwart", Bde. 1-17) die Köpfe eingeschlagen; uns nächtens um schlafende Häuserblocks gejagt; und Strategien des Telefonterrors entwickelt, von deren Erträgen die Post heute noch zehrt. Das ging so weit, dass ich mir eines Tages meine niegelnagelneuen, sündhaft teuren, sehr englischen Schuhe von den Füßen riss und sie wutentbrannt in den nächsten englischen Garten schleuderte. Auf offener Straße! Während es Hunde und Katzen regnete!

Jedenfalls ging es in dieser Beziehung immer nur um das Eine: um Schellack oder Vinyl, um Totsein oder Leben. Und (warum eigentlich?) um Johannes Brahms, seine späten Klavierstücke, seine Lieder. Besagte Beziehung nämlich war der durchaus militanten Meinung, dass nur ein toter Musiker auch ein wirklich guter Musiker sein könne. Oder anders: Nur derjenige, der in eisgrauer Vorzeit dirigierte, sang oder spielte, war auch authentisch, "taugte etwas" vor der Kunst wie vor dem Herrn. Der Rest: alles Stümper, Dilettanten, Verräter. Und da die Beziehung nicht blöd war, was die Sache für mich einigermaßen verkomplizierte, schüttelte sie hier ein wenig Paul Valéry aus dem Ärmel, dort ein bisschen Benjamin oder Bernard Shaw und am Ende meist jede Menge Thomas Mann.

Genützt hat das alles nichts. Denn während die Beziehung spätestens bei Toscanini, Paganini und der Callas feuchte Augen kriegte, schwörte ich auf Carlos Kleiber, auf Brigitte Fassbaender, auf Maria João Pires - und eine höhere Gerechtigkeit. Bald, sehr bald, so glaubte ich, würde eine dea ex machina herniederschweben, mir ihre marmorkühle Hand auf die Stirn legen und raunen: Es sei! Alle historischen Aufnahmen werden zu Juckpulver verarbeitet, und wem die Künstler der Jetztzeit nichts gelten, der fahre, zisch, zisch, zur Hölle!

Was soll ich sagen. Die Göttin kam. Die Beziehung ging. Und das Leben mäßigte sich. Wenn ich heute Brahms höre, seine Duette, die "Schöne Magelone" oder die beiden Bratschenlieder op. 91, dann kriege ich feuchte Augen. Nicht dass der Alte mit seinen norddeutschen Innerlichkeiten den Puls des 21. Jahrhunderts träfe. Und auch die Künstler von heute, na ja, ziemlich durchwachsen. Doch, ach, die Nostalgie, dieses liebe kleine Pelztier in der eigenen Brust! Ahnt hier noch jemand, wie das war, als Brigitte Fassbaender Brahms sang? Auf allen vieren sind wir aus diesen Abenden herausgekrochen, selig dem Nervenfieber nah...

CD-Grabbeltische übrigens bergen bisweilen tolle Schätze. Den Schatz Nr. 47614-2 zum Beispiel (beim Billiglabel Arts). Aber jetzt bitte nicht hauen.

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