Zeitung Heute : Mein klassisches Leben: Reich-Ranicki über Schubert

Christine Lemke-Matwey

Schuberts Aktien, so ließ Marcel Reich-Ranicki in der ersten Ausgabe seiner Super-Solo-Show verlauten, in der er wie ein Stück Dauer-Torten-Deko auf einem bedauerlich spitz zulaufenden Podest thronte, Schuberts Aktien seien seit den dreißiger Jahren bemerkenswert gestiegen. An dieser Bemerkung ist mehrerlei bemerkenswert. Erstens, dass sie von den (dieses Spektakel heftig umschnurrenden) TV-Kritikern republikweit kaum bemerkt wurde. Nun gut, denke ich mir, kennen sich halt nicht so aus, die Herren und Damen Kollegen aus den Medienredaktionen, mit dem Franz Peter Seraph Schubert vom Wiener Himmelpfortgrund, jenem kleinen, dick bebrillten Pausback, der den Schobers, Schwinds und Mayrhofers samt weiblicher Entourage allzeit brav aufspielte, Deutsche und Ländler und Walzer und Ecossaisen, was dazu führte, dass die Genannten allzeit eine Mordsgaudi hatten und er sich im zarten Alter von 25 Jahren eine Syphilis holte, entzugshalber und leider schicksalhaft. Zweitens - und das ist nicht minder bemerkenswert - handelt es sich bei besagter Sendung um ein "Format", in dem Literatur, tja, verleidenschaftlicht werden soll

Literatur, nicht Musik, von welcher Reich-Ranicki an diesem Abend allerdings partout nicht lassen wollte: Mindestens zwei weitere Komponisten-Namen fielen noch, lieblos zwischen den neuen Grass und den neuen Philip Roth gequetscht (Dvorak? Mendelssohn?). Drittens wiederum war - wenn ich mich recht erinnere, das Fernsehen ist ja so ein verflucht flüchtiges Medium - gar nicht von "Aktien" die Rede, sondern von "Börsenkursen". Du lieber Himmel! Ausgerechnet Schubert, der sein Leben wahrlich "nicht in glänzenden Verhältnissen" fristete, ja die längste Zeit vollkommen "geldlos" und in den feuchtesten, finstersten Löchern der Stadt vor sich hin "medizinierte"...

Vom komischen Kauz zum kecken Klassiker: Dass unser Schubert-Bild schon einmal klüger war, das können die Hervorbringungen der Schallplattenindustrie stets am allerwenigsten verhehlen. So sah sich die Firma Sony vor zwei Jahren bemüßigt, eine Billigreihe mit Klassik für jede Lebenslage auf den Markt zu werfen - von "Arien für Autofahrer" über "Barock zum Bügeln" bis hin zu "Mozart als Muntermacher". O.k., o.k., legen wir es zu dem Übrigen. Persönlich übel nehme ich den Machern nur, dass der Pausback vom Himmelpfortgrund im Reigen ihrer witzig-aberwitzigen Aliterationen nicht mehr als ein schnödes "Schubert für schöne Stunden" abkriegte! Wenn schon blöd, dann bitte bodenlos. Warum also nicht "Schubert für Schihaserln" oder "Schubert zum Schnitzel"? Und, als güldene jubilee line für MRR: "Schweigen mit Schubert" - eine Edition, man muss heutzutage ja immer ökonomisch denken, die sich mühelos auf Schwönberg, Schwulhoff, Schwumann und Schwütz ausdehnen ließe.

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