Zeitung Heute : Mein klassisches Leben: Weibliches Taktgefühl

Christine Lemke-Matwey

Freitag war mal wieder Internationaler Frauentag. Irgendetwas gemerkt davon? Nö, ist doch alles total normal heute. Frauen dürfen frauenfeindlich sein wie Männer, Zweierbob fahren wie Männer, schlecht gelaunt sein wie Männer - und wenn eine Ausstellung des Kult-Fotografen André Rival in der "Jutierhalle" der Münchner Kammerspiele neben lauter keusch betuchten Mannsbildern lauter (halb-)nackte Evas präsentiert, dann zuckt selbst Alice Schwarzer nur mehr müde mit den Achseln. Vielleicht weil sie auch nicht so genau weiß, was eine "Jutierhalle" ist; vielleicht weil sie weiß, dass weder Anouschka Renzi noch Suzanne von Borsody hier gewaltsam entkleidet worden sind. Vielleicht führt sich Frau Schwarzer aber auch bloß die üblichen paar nackten Tatsachen vor Augen: In politischen Entscheidungsgremien, so www.frauennews.de, sind Frauen derzeit mit wackeren 7% vertreten, in den Führungsetagen der Wirtschaft hingegen nach wie vor mit nur 3%. Dieses Schicksal wiederum teilen die Damen Managerinnen und Börsianerinnen mit - den klassischen Musikerinnen. Frau Musica hin, die Heilige Cäcilie her: Lediglich zwei bis vier Prozent der in der so genannten E-Musik Tätigen sind heute nachweislich weiblichen

Geschlechts. Und schafft es eine von ihnen doch einmal bis ganz weit nach oben, dann lebt sie lebensgefährlich. Ich spreche hier nicht von Primadonnen mit bauchnabeltiefen Dekolletées oder von pubertierenden Violin-Virtuosinnen in salzwassernassen T-Shirts. Ich meine Künstlerinnen wie Julia Jones, die Basler Chefdirigentin, die jüngst während der Schlussproben zu Verdis "Falstaff", wie man so schön sagt, das Handtuch warf. "Das Verhalten einzelner Mitglieder des Orchesters war künstlerisch und disziplinär absolut inakzeptabel", klagte sie in einem offenen Brief. Höchst witzige Vorstellung, nicht wahr, wie schmerbäuchige Kontrabassisten Tango tanzen, und schmallippige Fagottisten sich mit Basler Leckerlis vollstopfen, während Frau Jones vorne an der Schlussfuge werkelt - und der Intendant S. sich intendantös bedeckt hält. Dirigenten seien die Inkarnation der Macht in den Augen der Mächtigen, schreibt Norman Lebrecht in seinem klugen Buch "Der Mythos vom Maestro". Dem ist auch 2002 nichts hinzuzufügen.

Drei kleine Trösterchen indes bleiben: Erstens tritt wenigstens Hannelore Elsner im hochgeschlossenen Roten vor André Rivals Linse; zweitens schließt die besagte Ausstellung am heutigen Sonntag. Und drittens spielt der von Nigel Lowery inszenierte Basler "Falstaff" in einem Altersheim. Nix Wein, Weib und Gesang also, nix "alles ist Spaß auf Erden". Nur graugesichtige Greisinnen und Greise, die in gemessenen Abständen mümmelnd aus ihren Polstern plumpsen. Spätestens vor dem Internationalen Bestattungsunternehmer sind eben doch alle gleich.

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