Zeitung Heute : Mein klassisches Leben: Wir haben verstanden

Christine Lemke-Matwey

Längst fällig: ein Wort zum Publikum. Also, das Publikum als Publikum war ja auch schon einmal einfallsreicher. Früher, zu den seligen Zeiten des Bayreuther Jahrhundert-"Rings" oder der Frankfurter "Aida", da ging ja kaum jemand als normaler Mensch in die Oper, im kleinen Schwarzen und mit Fliege und so. Abgesehen davon, dass kleine Schwarze es so an sich haben, mit den Jahren immer kleiner und schwärzer zu werden, und Fliegen prinzipiell verrutschten, hatte die Kleiderordnung - die natürlich keine Kleiderordnung war, sondern Weltanschauung! politisches Glaubensbekenntnis! Ideologie pur! - ihren guten Grund. In der Kapuze eines selbstgestrickten Känguruh-Pullovers nämlich ließ sich all das, was man für einen zünftigen Opernabend brauchte, schlichtweg besser verstauen: Tomaten und Eier fürs randalierende Parkett, Nelken für die Primadonna, Flugblätter fürs Pausenfoyer und der eine oder andere kleine Molotow-Cocktail für die Tiefgarage danach. Kurz und gut: Es war was los. Von der Bühne, von der Kunst mal ganz zu schweigen.

Da fällt mir Aubers "Die Stumme von Portici" ein, die erste grand opéra der Musikgeschichte, wie es so schön heißt, und ein für heutige Geschmäcker wohl eher krudes Stück: Während einer Aufführung 1830 am Brüsseler Théâtre de la Monnaie, mitten im zweiten Akt, springt das Publikum plötzlich hektisch von seinen Sitzen, rennt hinaus auf die Straße, baut Barrikaden - und löst die belgische Revolution aus. Was für eine Tat! Welche Wirkung! Heute hingegen, da der Mensch längst wieder Fliege trägt und kleines Schwarzes und so, und überhaupt einer der gesittetsten ist, die es je gab, heute muss man - im Sinne der Aufklärung! - für jedes noch so dümmliche Aufmüpfeln dankbar sein. Und ist es prompt. Ein Königreich für eine Trillerpfeife! Ein Kaiserreich für ein Publikum, das sich, wie vor wenigen Jahren das Nürnbergische, mit Rettichen munitioniert, diese in Klopapier wickelt und, der betreffenden Komponistin zum Hohn, "Ich bin eine Künstlerin" draufkrakelt. Aber nein, nichts dergleichen, weit und breit. Statt dessen: gähnende Gleichgültigkeiten. In Hannover wähnt man sich offenbar weniger im Theater als vor der heimischen Glotze - und schwätzt hemmungslos in jede Musik hinein. In Stuttgart erheben sich ganze Reihen achselzuckend und wie auf Kommando, um achselzuckend und wie auf Kommando den Saal zu verlassen und, gell, zur Tagesordnung überzugehen. Und in Graz bekommen die übelst beleumundeten Berserker der Regie neuerdings Blumentöpfe samt Blumentopfübertöpfen geschenkt, zarte steirische Tomatensetzlinge darin, Kärtchen anbei: Verzeihen Sie, dass wir Sie dannunddann beworfen haben, nehmen Sie diesen Setzling zum Zeichen unserer Reue, wir haben verstanden.

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