Zeitung Heute : Mein Klassisches Leben

Die Autorin ist Musikredakteurin des Tagesspiegel.

In der Redaktionsstube. Der Kollege brütet überm Bildschirm, ein Sonnenstrahl hascht nach der verbeulten Jalousie. Telefon, "Externverbindung". Der Hörer fühlt sich heiß an. Und die Schnur verheddert sich, erst im Bücherstapel (wodurch Nike Wagners "Traumtheater" endlich von Ariane Sommers "Benimmbibel" geschieden wird), dann im Postberg. Sie wolle sich be-schwe-ren, keucht es am anderen Ende der Leitung. Im Hintergrund bellt ein großer schwarzer Hund. Der Postberg wankt. Ihr Name sei Nuschelnuschel und sie fände es eine bo-den-lo-se Unverschämtheit, dass die Wiener Philharmoniker in ihren erlauchten Reihen bis heute de facto keine Frauen beschäftigten. Keine Flötistin, keine Bratschistin, ja noch nicht einmal eine Harfenistin, was bei Beethovens Symphonien zugegebenermaßen nicht so ins Gewicht fiele. Der Hund schleckt jetzt schmatzend die Muschel ab, der Postberg neigt sich. Und warum darüber in der Berliner Presse so einvernehmlich geschwiegen würde? Diese blöden Pinguine! Diese blasierten Sachertortenschlächter!

Hätte sich mein Postberg nicht just in diesem Augenblick kopfüber vom Schreibtisch in die beiden säuberlich darunter postierten Papierkörbe gestürzt, ich hätte Frau Nuschelnuschel mein Herz zu Füßen gelegt. Wie Recht sie habe, und wie egal es einem sein könne, was die Herren übers Jahr im Graben der Wiener Staatsoper trieben, wo durchaus hin und wieder ein paar weibliche Schattenwesen gesichtet würden - solange diese nicht in voller Reputation auch das Licht des Podiums erblickten. Lautes Knacken, Freizeichen. Außerdem hätte ich endlich einmal jemandem erklären können, wie kompliziert das mit den Leserinnen und Lesern ist: Sacht man was, isses falsch, weil männerfeindlich. Und sacht man nix, isses auch falsch. Ob der Hund Frauchens Hörer wohl für einen Knochen gehalten hat?

Ich schütte die Post aus den Körben zurück auf meinen Tisch. Musik ist eine heilige Kunst, sagen die einen. Die Musik ist eine Hure, sagen die anderen: willig, käuflich, billig. Man denke nur an Beethovens Neunte, die Hitlers Geburtstage ebenso zierte wie sie ein halbes Jahrhundert später den Fall der Mauer besang. Hure und Heilige nehmen sich nun einmal nicht viel. Das Drama des begabten Mannes aber scheint zu sein, dass er sich jenseits dieser beiden Ikonen (der Weiblichkeit und der Verehrung) so verdammt wenig vorstellen kann. Oder will, der Mann als Mann.

In der Post: bitterböse Leserbriefe. Betr.: Simon Rattles Berliner Beethoven-Zyklus. 10000 Menschen waren begeistert, steht da, nur Sie nicht. Wie können Sie es wagen. Eine Unverschämtheit. Musik, möchte ich darauf in aller Höflichkeit erwidern, war noch nie eine Frage der Demokratie. Wuff.

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