Zeitung Heute : Mein klassisches Leben

Christine Lemke-Matwey

Eigentlich ist das Ganze ja total profan. Weil physisch. Und schlüpfrig. Samtrot lockt der Schlund, ein leuchtendes Oval, ein sanguinisches Kraftwerk aus Schleimhaut, Drüsen, Fettgewebe - das ist das ganze Kapital der Primadonna. Zwei blassrosa Muskelchen am Rachenausgang. Himmelspforte! jauchzen die einen. Höllentor! raunen die anderen. Mal spannen sich die Muskelchen zu einem straffen, spitzwinkeligen Dreieck, mal zu einer runden dicken Wulst, mal öffnen sie sich weit, mal sind sie hart aufeinander gepresst - keine Erregung, kein Affekt, vor dem ihre Kunstfertigkeit je versagen würde. Denn Stimmlippen gehören, das muss man wissen, zu den sekundären Geschlechtsmerkmalen des Menschen. Und Singen, weibliches zumal, ist Erotik pur, äh, kann mitunter ganz schön erotisch sein. Früher jedenfalls war das so.

Und je schriller die Triller, je halsbrecherischer die Fiorituren, desto erbitterter das traditionelle Balzgebaren vor, hinter und auf der Bühne. Als Francesca Cuzzoni und Faustina Bordoni - die beiden Ersten Damen vom Londoner Haymarket, wahre Weltstars des barocken Establishments - 1727 gemeinsam in einer Oper von Bononcini auftreten sollten, bissen, kratzten und schlugen sie so lange aufeinander ein (noch bevor ein einziger Ton Musik erklang!), bis beide blutend von der Bühne wankten. Und heute?

"Ich werde immer und überall so schwierig sein wie nötig, um das Beste zu erreichen", hat Maria Callas, die Assolutissima des 20. Jahrhunderts einmal gesagt. Und nahm sich selbst beim Wort. Immerhin erklärte ihre Erzrivalin Renata Tebaldi einst unter Tränen, sie werde Mailand samt der Scala nie wieder betreten, wenn die Callas-Claque noch einmal mit Radieschen nach ihr würfe ... Aber sonst? Was will man einer Montserrat Caballé, die nicht nur unerträglich nett ist, sondern überdies von sich behauptet, "ein stinknormaler Mensch" zu sein, schon Pikantes andichten? Was einer Mirella Freni außer ihrer legendären "Milchbruderschaft" mit Luciano Pavarotti? Und wie langweilig muss es erst in den Wohnzimmern von Waltraud Meier oder Edita Gruberova zugehen. Nichts, aber auch gar nichts, was entfernt an eine Henriette Sontag erinnern würde, die sich vor jedem Auftritt mit riesigen Mengen heißer Maroni vollstopfte und ihren Kehlkopf noch zu Lebzeiten einem berühmten Anatom vermachte. Wo sich selbst eine Cecilia Bartoli nicht mehr zur Preisgabe von Pasta-Rezepten oder Sportwagenträumen hinreißen lässt, sondern, oho, über Musik sprechen will, da ist die Welt doch ärmer geworden.

Was wir daraus lernen? Dass das Singen mindestens so viel Muskelkraft erfordert wie die Liebe. Und dass es sich nicht wirklich lohnt, als Frau immer nur hübsch artig zu sein und diszipliniert. Denn artige Menschen machen letztlich nur artige Kunst.

Die Autorin ist Musikredakteurin

des Tagesspiegel.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben