Zeitung Heute : „Mein Knie ist viermal um die Welt gelaufen.“ Heute rennen 40000 durch Berlin – werden sie davon glücklich?

Nicht unbedingt, sagt Thomas Wessinghage. Aber schlauer macht Laufen schon.

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Thomas Wessinghage, 53, war in den 70er und 80er Jahren Deutschlands bester Mittelstreckenläufer. 1982 wurde er Europameister über 5000 Meter. Neben seiner Profikarriere studierte er Medizin. Heute ist er ärztlicher Direktor des Deutschen Zentrums für Präventivmedizin und der RehaKlinik Damp an der Ostsee. Dort gibt er auch Laufseminare.

Interview: Cornelia Heim Herr Wessinghage, ist so ein Marathon eigentlich gesund?

Das Training schon. Der Wettbewerb selbst ist eher ungesund – vor allem fürs Immunsystem, das wird durch die Anstrengung ziemlich geschwächt.

Warum gibt es dann in Deutschland jährlich über 100 Marathon-Veranstaltungen?

Sie können nicht alles verlangen: ein Supererlebnis, Hochgefühle und dann soll es auch noch gesund sein. Der Marathon-Boom hängt wohl damit zusammen, dass die Menschen Langeweile und Anonymität entfliehen wollen, um einmal von einem großen Wir-Gefühl eingefangen zu werden. Hier kann jeder zum Hauptdarsteller werden.

Sind Sie heute schon gelaufen?

Ich komme gerade von einem Long Jog mit den Teilnehmern meines Laufseminars. Wir sind die 22 Kilometer von Eckernförde bis Damp gelaufen. Es war wunderschön, sonnig, klarer Wind von der Ostsee. Ich fühle mich gut.

Gesundheit ist für zwei Drittel der Deutschen das allerhöchste Gut. Was ist für Sie Gesundheit?

Das Gefühl, meinen Alltag ohne körperliche und geistige Probleme zu meistern. Ich gehöre zu den Menschen, die einen Zwölfstundentag haben. Oft habe ich über viele Wochen am Stück keinen einzigen freien Tag. Und trotzdem fühle ich mich nicht ausgebrannt. Das klappt nur, weil ich meine Regenerationsfähigkeit über jahrelanges Sporttreiben so trainiert habe, dass ich gesund bleibe – obwohl ich weniger Erholungspausen habe als manch anderer. Ich nutze das Laufen als optimale aktive Regeneration.

Es hat Wochen gedauert, bei Ihnen einen Gesprächstermin zu bekommen. Wie integrieren Sie da auch noch Sport in Ihren Zeitplan?

Schaffe ich es tagsüber nicht, dann laufe ich abends, manchmal sogar nachts. Neulich kam ich spätabends in Nürnberg an, aber ich kann ja auch noch um 21 Uhr 30 Uhr loslaufen. Das ist das Schöne am Laufen: Es geht immer und überall. Um 22 Uhr10 habe ich mein Tagespensum absolviert, ich komme noch nicht mal später ins Bett. Vier, fünf Mal die Woche mache ich das schon, also bis zu 260 Tage im Jahr.

Das klingt nach sehr viel Disziplin. Aber nicht jeder war mal wie Sie Europameister.

Mein Pensum in einer beispielhaften Woche – dreieinhalb Stunden netto – ehrlich, das könnten viele laufen.

Ein Bundesbürger geht nur noch 400 bis 700 Schritte am Tag.

Leider! Die so genannte Mannheimer Studie hat herausgefunden, dass die Mannheimer noch vor 100 Jahren 19,2 Kilometer zu Fuß zurücklegten: Wohlgemerkt an jedem Tag des Jahres. Zugegeben, so viel Zeit haben wir nicht mehr. Deshalb müssen wir unsere Bewegung verdichten auf etwa eine halbe Stunde am Tag. Oder dreimal die Woche 40 Minuten, aber das muss es schon sein.

Wie schnell laufen Sie?

Sehr unterschiedlich. Mein Tempo hängt davon ab, ob ich alleine laufe oder mit Gruppen. Meistens behalte ich mir die ruhigen Läufe für die Seminare vor, da laufen wir den Kilometer in gemächlichen sieben Minuten. Wenn ich alleine laufe, bin ich schneller – dreieinhalb, vier Minuten – dafür laufe ich weniger.

Jogger sehen oft so verkniffen aus. Wo bleiben eigentlich die berühmten Glückshormone?

Ich werde oft gefragt, wann die Endorphin-Ausschüttung denn einsetze – nach 4,8 oder erst nach 5,2 Kilometern. Es gibt keine allgemeingültige Erkenntnis, und meines Erachtens wird das Runner’s High ein bisschen übertrieben. Aber Bewegung wirkt emotional stabilisierend, das ist wissenschaftlich erwiesen. Ich habe das deutlich gemerkt bei meinem Medizinexamen. Damals mussten wir innerhalb von drei Monaten 28 Prüfungen ablegen. Aus unserer Vierergruppe waren zwei Kollegen dem psychischen Druck nicht gewachsen, sie schieden aus. Bei mir war es umgekehrt. Ich wurde von Prüfung zu Prüfung immer lockerer, weil ich Belastungen aus dem Sport kannte und mit Druck gut umgehen konnte. Bewegung kann man, wenn Sie so wollen, durchaus als Psychotherapie für Gesunde bezeichnen.

Joschka Fischer hat das in seinem Buch „Der lange Lauf zu mir selbst“ ähnlich formuliert: „Ich hatte zu mir gefunden, meine innere Ruhe wiederbekommen.“

Gerade das Zyklische der Bewegung, die Wiederholung, Schritt für Schritt, kann sehr beruhigen. Das hat bisweilen meditative Qualität. Vielen Menschen tut es auch einfach gut, mal mit sich allein zu sein. Und drittens bekommt es dem Menschen sehr, sich als ein Teil der Natur zu fühlen. Es kann herrlich sein, bei Regen zu laufen.

Ein Bonmot unter Läufern besagt: Der schwerste ist immer der erste Schritt vor die Haustür.

Ich habe keine Probleme, irgendwelche Schwellen zu überwinden. Aber das liegt wohl daran, dass es in den letzten 35 Jahren keine Phase gegeben hat, in der ich nicht gelaufen bin. Und sollte ich wirklich mal gar keine Lust haben, dann kann ich so viele schöne Erfahrungen abrufen und weiß genau, dass ich mich gleich wieder besser fühlen werde. Bei mir überwiegt der Wunsch zu laufen die Überwindung, es tun zu müssen.

Die große Masse allerdings ringt mit ihrem inneren Schweinehund. Gibt es denn so etwas wie ein Sportler-Gen?

Ich halte die Prägung eher für eine Frage der Erziehung: Ob im Elternhaus die Zeitung mit dem Auto geholt wurde oder ob man schon in den Kindergarten selbst mit dem Rad fahren durfte. Meine drei Kinder haben alle auch noch als Erwachsene Lust auf Bewegung, der Große fährt mit mir zu exotischen Marathonplätzen wie New York oder Boston, die Tochter tanzt und turnt und mein Jüngster, der spielt leistungsmäßig Tennis. Wir Eltern haben sie aber nie zu irgendetwas gezwungen. Wir haben es nur vorgelebt. Kinder bewegen sich fürs Leben gern. Ich darf als Vater nur nicht mit abstrusen Regeln um mich werfen, wie: Iss deinen Teller leer! Sitz still! Schone dich!

Die WHO schätzt, dass bis ins Jahr 2020 etwa 70 Prozent aller Krankheiten durch mangelnde Bewegung ausgelöst werden.

Das Sterberisiko vervielfacht sich, wenn ich übergewichtig bin. Dicke riskieren, früher an Herzinfarkt, Schlaganfall, auch an Krebs zu sterben. Außerdem wird man im Kopf träge, wenn man sich zu wenig bewegt.

Was hat denn das miteinander zu tun?

Sehr viel. In Kalifornien haben Forscher Mäusen ein Laufrad in den Käfig gestellt und dabei gemerkt, dass diese fitten Tierchen nach nur einem Monat 15 Prozent mehr Nervenzellen im Gehirn hatten als die Faulen. Beim Menschen ist das nicht anders: Laufen macht schlauer.

Paradoxerweise wird die Gesellschaft insgesamt immer schneller: Flugzeuge, Handys, Internet, um uns herum ist alles in Bewegung – nur wir selber werden immer träger.

Vielleicht ist es eine Art Trotzreaktion oder auch eine Resignation der Menschen, dass sie glauben, mit dem Tempo der Außenwelt nicht mehr Schritt halten zu können. Sie fühlen sich überfordert und bugsieren sich deshalb in so eine Art Schonmentalität hinein.

Aber wo bleibt die Entspannung? Physiotherapeuten berichten von Patienten unter Dauerstress: zum anstrengenden Job der tägliche Fitnesszwang.

Die deutsche Sporthochschule in Köln hat herausgefunden, dass bis zu 80 Prozent der Läufer zu schnell laufen. Meine Basisaussage in meinen Seminaren ist immer: Du musst weniger tun, als du denkst. Und: Du sollst dich nicht unter Druck setzen. Der Endvierziger, der gestern seine Runde in 43:12 Minuten gelaufen ist und sie heute in 43:11 Minuten schaffen will, überfordert sich irgendwann. Meine Botschaft: Lauf doch in 48 Minuten. Oder nimm deine Frau mit. Läuft die überhaupt? Ach, nur so langsam? Genau das Richtige für dich. Lauf mit deiner Frau. Das Tempo bestimmt im Übrigen immer der Langsamere – dann profitieren beide! Und wenn Sie wollen, trinken Sie danach ein Glas Rotwein beim Italiener. Es geht nicht um Askese, es geht um Lebensqualität.

Laufen Frauen aus anderen Motiven als Männer?

Viele Frauen laufen, um schöner und gesünder zu werden. Laufen macht, konsequent betrieben, eindeutig schlank. Männer denken eher an Leistung.

Auf kurzen Strecken laufen ebenso viele Frauen wie Männer. Im Marathon sind es nur 20 Prozent. Dabei heißt es doch, Frauen hätten die bessere Ausdauer.

Wenn eine Frau gerne lange läuft, heißt das noch lange nicht, dass sie auch in einem Marathonwettkampf ihre Fähigkeiten beweisen muss. Das ist ein typisch männlicher Ansatz. Männer laufen, um schneller zu werden, sich zu messen.

Der Ernährungswissenschaftler Udo Pollmer vergleicht in seinem Buch „Lexikon der Fitness-Irrtümer“ den Menschen mit einem Auto und folgert, auch ein Motor, den man ständig belaste, lebe nicht länger, sondern gehe früher kaputt.

Sorry, aber Herr Pollmer hat keine Ahnung. Ich würde ihm vorschlagen, wo er so für Schonung plädiert, doch mal sein Knie in den Urlaub zu schicken: Er nehme Gehstützen und lege einen Gips an. Und danach vergleichen wir sein Knie, das vier Wochen Pause bekommen hat, und mein Knie, das viereinhalb Mal um die Welt gelaufen ist…

...das sind rund 180000 Kilometer.

Ein Gelenk, das vier Wochen ruhig gestellt wird, hat viele seiner Funktionen verloren und ist zwei Wochen später kaputt. Der Stoffaustausch in den Gelenkflächen, die aus Knorpel bestehen, gelingt nur über den Mechanismus von Druck und Entlastung. Im Fachjargon wird ein Knorpel „gewalkt“ und zwar so, dass durch dosierten Druck und die darauf folgende Entlastung Flüssigkeit aus dem Knorpel heraus- und wieder hineinbefördert wird.

Trotzdem, bei jedem Schritt müssen unsere Gelenke das Dreifache des Körpergewichtes abfedern – bei einem 75-Kilo-Mann sind das pro Fuß und Kilometer 138000 Kilogramm.

Ein technisches System wie ein Auto und ein biologisches System wie der Mensch funktionieren eben nicht auf identische Weise. Der menschliche Organismus hat die Regenerationsfähigkeit aus sich selbst heraus, aber nur, wenn wir ihn belasten. Wenn er nicht gefordert wird, verkümmert er.

Noch mal Udo Pollmer: Wenn man für alle dieselben Bewegungs-Dogmen aufstellt, sei das so, als ob alle dieselbe Schuhgröße tragen müssten.

Ich will ja nicht jeden zum Läufer machen. Es geht darum, sich zu bewegen. Nicht jeder Mensch bringt dieselben Voraussetzungen mit. Die stark Übergewichtigen sind beim Walken oft besser aufgehoben. Ein Beispiel noch: In Boston hat man neulich Marathonläufer untersucht und festgestellt, 13 Prozent waren nach dem Marathon schwerer als vorher. Eigentlich unmöglich. Was war passiert? Einige hatten, weil „viel trinken“ überall als oberste Regel ausgegeben wird, mehr getrunken als ihr Körper braucht. Ich persönlich komme mit vergleichsweise wenig Wasser aus. Bei objektiv gleicher Leistung sendet jeder Körper sehr unterschiedliche Signale.

Also: Keinem Fitnesspapst trauen?

Absolut. Lieber auf sich selbst hören. Je mehr man sich selbst kennen lernt, desto sicherer wird man. Ich persönlich strebe immer an, dass am Ende wieder der Mensch steht und nicht der Mensch plus 37 elektronischer Hilfsmittel. Der Körper hat eigene Sensoren. Im Training musste ich früher oft mehrere 400-Meter-Läufe in jeweils 60 Sekunden absolvieren. Das hatte ich irgendwann so intus, dass ich, wenn sich der Trainer beim Wettkampf verstoppt hatte, genau wusste: Der liegt falsch, ich aber richtig.

Das schafft ein Hobbyläufer nicht.

Nein, aber irgendwann ist auch sein Körpergefühl wieder so weit und signalisiert ihm, wie es um ihn bestellt ist: Wann er genug hat, wann er schneller laufen, wann pausieren soll. Da braucht es dann keine Pulsuhr mehr.

Und trotzdem verletzen sich 30 Prozent aller Jogger jedes Jahr.

Unser subjektives Belastungsempfinden richtet sich oft nur nach Kreislauf und Stoffwechsel. Soll heißen, ich fühle mich gut, wenn meine Energiereserven noch in Form sind. Aber vielleicht ist mein rechter Wadenmuskel schon überfordert? Man muss lernen, dass die unterschiedlichen körperlichen Systeme gleichmäßig auf ein neues Belastungsniveau angehoben werden.

Wie geht das?

Indem man Ausgleichstraining macht, Krafttraining, Stretching. Viele machen ohnehin morgens ein paar Liegestützen. Das ist gut. Wer noch gezielter üben will, der lasse erst eine Bewegungsanalyse machen, dabei werden die individuellen Schwachpunkte entdeckt. Wenn man die besonders trainiert, kann man Verletzungen vorbeugen. So bin ich im Übrigen auch als Orthopäde vorgegangen. Wenn ein Patient sagte: „Im rechten Oberschenkel tut’s weh“, dann habe ich dem keine Schmerzspritze gegeben, sondern einen Trainingsplan. Nur so bekommt er sein Problem von Grund auf gelöst.

Studien belegen, dass Menschen, die besser und sportlicher aussehen, mehr verdienen.

Ist das ein Problem des Sports oder eines der Gesellschaft? Die einen übertreiben den Körperkult, die anderen kümmert das überhaupt nicht. Die Schere klafft immer weiter auseinander. Aber bitte werfen Sie Laufen oder Walken nicht in einen Topf mit dem Körperkult. Solche sanfteren Bewegungsformen sind unser Lebenselixier.

Sie leiten eine große Klinik, bieten seit über 20 Jahren Laufseminare an. Sie halten Vorträge über Gesundheit, machen Vitalreisen. Fühlen Sie sich als Guru einer neuen Bewegung?

Manchmal fühle ich mich ein bisschen als Missionar, weil ich so eine Art Glaubensbekenntnis von mir gebe. Ich versuche aber die Menschen nur darauf hinzuweisen, dass etwas für sie von großer Bedeutung ist, was in unserem Büro-, Auto-, Fernseh- und Fastfood-Alltag keine Rolle mehr zu spielen scheint. Der Inhalt meiner „Predigten“ ist aber ganz und gar nicht neu: Wir Menschen sind zum Laufen geboren.

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