Zeitung Heute : Mein Kopf gehört mir

Seit zwei Wochen dürfen sie in der Schule keinen Schleier mehr tragen – wie sich muslimische Französinnen wehren

Bärbel Nückles[Strassburg]

Jeden Morgen kommen sie pünktlich zur Schule, die Mappen mit ihren Büchern für das Abitur unterm Arm. Dabei wissen die Zwillinge Samira und Samia, dass es für sie keinen Unterricht geben wird, solange sie ihr Kopftuch nicht ablegen wollen. Bis der Gong am Nachmittag ertönt, müssen sie getrennt von ihrer Klasse zu zweit in einem Zimmer ihres Gymnasiums in Bischheim am Rande Straßburgs sitzen. Manchmal warten zwei andere Mädchen mit ihnen. Samia und Samira, 18 Jahre alt, tragen ihre Kopftücher in der Öffentlichkeit, seitdem sie zwölf sind. „Es gehört zu mir“, sagt Samira. „Genauso wie mein Glaube. Ohne sie würde ich mich nackt fühlen.“ Zwei Tücher sind am Oberkopf sorgfältig mit Nadeln zusammengesteckt, flach um die Stirn gelegt, auch Ohren und Hals bedecken sie.

Seit zwei Wochen geht das nun so. Sie werden von den Klassenkameraden getrennt, selbst in den Pausen isoliert sie der Schulleiter von den Gleichaltrigen. In Frankreich, wo man noch stärker Wert legt auf die strikte Trennung von Kirche und Staat als beispielsweise in Deutschland, begann das neue Schuljahr mit einem Gesetz, das in den Schulen das Tragen allzu offensichtlicher religiöser Zeichen verbietet. Einer der Fälle, die den langen Streit in Gang setzten, spielte sich in den 90er Jahren in Lyon ab, als eine Anwältin auf das Recht pochte, vor Gericht verschleiert zu erscheinen.

Eine Woche nach Schulbeginn weigerten sich noch 120 Mädchen in ganz Frankreich, ihr Kopftuch abzulegen, 80 von ihnen leben im Elsass, vor allem in der Gegend von Straßburg. Während die Schulen anderswo in Frankreich rasch zum Alltag zurückkehrten, fanden sich vor dem Rektorat der Schulbehörde in Straßburgs Stadtmitte anfangs beinahe täglich junge Frauen ein, um für ihr Recht zu demonstrieren. Das liegt daran, dass viele Muslime im Elsass türkische Wurzeln haben, im übrigen Frankreich bilden die stärker an ihre Herkunftsländer gebundenen Einwanderer aus dem Maghreb die große Mehrheit. Die türkischstämmigen Familien halten stärker an der Tradition des Schleiers fest. Sie sind nicht nur unabhängiger vom Mutterland als die nordafrikanischen Immigranten, sie sind auch stärker politisiert. So stammen 80 Prozent der Mädchen, die sich dem Kopftuchverbot widersetzen, aus Familien türkischer Herkunft. Fern der alten Heimat stärkt der Islam die Identität. Samira und Samia, deren Eltern aus Marokko stammen, sind also eine Minderheit. Aber was alle Mädchen eint, ist ein islamisches Selbstbewusstsein, das auf einem politisierten traditionellen Familienmilieu fußt. Sie wollen nicht akzeptieren, dass der französische Staat es ihnen nun verwehrt, ihre Zukunft zu ihren Bedingungen zu gestalten: Abitur und Studium, aber mit dem Kopftuch, dem Foulard. Angesprochen auf die Situation in der Türkei, wo Kopftuch und Schleier in staatlichen Schulen ebenfalls tabu sind, entgegnen sie: „Wir leben hier in Frankreich, und man kann nicht von Freiheit sprechen, wenn sich dahinter Intoleranz verbirgt.“

Die Straßburger Schulbehörde hatte zunächst die Direktive ausgegeben, mit den Schülerinnen das Gespräch zu suchen. Was die Zwillinge erleben, sind aber klare Fronten. Das Gesetz ließe im Grunde den Spielraum, Kopftücher, die lediglich die Haare und die Stirn bedecken, Bandanas, zu tolerieren – ein Ausweg aus der Sackgasse? Samia und Samira lehnen die Bandana ab. Ihr Schulleiter tut es auch. „Gleich am ersten Tag hat er uns abgefangen und in sein Büro zitiert. Er hat uns erklärt, dass der Koran keinen Foulard vorschreibt.“ Samia und Samira tragen ihr schwarzes Tuch mit Stolz. Dazu schwarze Hosen, darüber dunkel gemusterte Röcke bis zum Knie und schwarze Pullover. Die Mädchen finden es sehr eigenartig, dass die Schulen ihnen Emanzipation beibringen wollen und sie gleichzeitig in ihrem Glauben und ihrer Tradition provozieren.

Vor den Ferien trugen noch 450 Schülerinnen im Elsass den Foulard in ihren Klassenzimmern. Viele Eltern schickten ihre Töchter nach den Sommerferien nach Belgien zur Schule. Zwei Wochen nach der Gesetzesänderung nennt weder die Schulbehörde Zahlen noch das islamische Aktionsbündnis „Komitee des 15. März für die Freiheit“, benannt nach dem Datum der Abstimmung des Gesetzes in der Pariser Nationalversammlung. Sie wollen den Entführern der beiden im Irak festgehaltenen französischen Journalisten, die von Frankreich die Rücknahme des Verschleierungsverbots fordern, kein Druckmittel in die Hand geben. „Doch wenn sich Mädchen weiter weigern“, sagt Abdallah Milcent, ein konvertierter Arzt aus Straßburg, der das Komitee mitbegründet hat und die zugehörige Hotline sponsert, „werden in den Schulen wohl Disziplinarverfahren eingeleitet.“ Der Staat, sagt er, verhalte sich so, als gäbe es kein Problem.

Dabei ist die Lage in einigen Schulen sehr angespannt. „Der Rektor hat uns von Anfang an keine Wahl gelassen“, sagen die Zwillinge Samia und Samira. Der Rektor ist für die Presse nicht zu sprechen. Wenn die Mädchen nicht nachgeben, kommt es schlimmstenfalls zu einem Schulausschluss. Vorerst betreten sie also weiterhin Tag für Tag die Schule, schlagen die Zeit tot bis zum Gong. Damit es nicht noch einen Grund gibt, sie von der Schule zu verweisen. Von ihren Lehrern, die sie bis auf wenige Ausnahmen meiden, sind sie enttäuscht. „Ihr habt es euch so ausgesucht“, sagen viele zu den Mädchen. „In der Schule sollte man uns doch die Regeln beibringen, die im Leben gelten“, sagt Samia, und dazu gehören in ihren Augen Respekt und Toleranz. Christliche Schüler dürften ihre Kreuze tragen, die Juden gingen in ihre Privatschulen. „Wenn wir ausgeschlossen werden, beenden wir das Schuljahr im Fernstudium.“ Eine Möglichkeit, die viele der Mädchen, die dem Druck nicht nachgeben, ins Auge fassen. Statt sie samt ihres Glaubens und ihrer Lebensform weiterhin als Mitglieder der französischen Gesellschaft zu integrieren, würde das Gesetz sie bei kompromissloser Anwendung in die Familien abschieben. Wer hält am längsten durch? Samira sagt: „In meinen Augen missbraucht der Staat seine Macht.“

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