Mein KUNSTSTÜCK : Lebenslinien auf Pergament

Kerstin Roose fällt nüchtern zwischen die Zeiten

Kerstin Roose

Tatort Wohnzimmer: Das Gesicht der jungen Frau verrät keine emotionale Regung. Stoisch folgt sie den Konturen des Mobiliars mit einem Stift auf dem Boden und überträgt die Umrisse akribisch in ein Haushaltsbuch aus übergroßem Pergament – vom Esstisch über den Chanukka–Leuchter bis zum Spielzeug ihres abwesenden Kindes. Sie stolpert, schlägt lang auf den Boden hin und nimmt selbst die dort befindliche Zigarettenasche noch penibel in die Liste auf. Ist dies bloß die sonderbare Inventur eines Haushaltes oder die tragische Bilanz eines zerstörten jüdischen Lebens? Die schwebende Melancholie des Kurzfilms Mother Economy von Maya Zack gibt keine eindeutige Antwort.

Mit seiner aufwändigen, eleganten Ästhetik steht der Film in scharfem Kontrast zum maroden Charme der ehemaligen Patzenhofer Brauerei. Hier sind die Arbeiten der 60 Finalisten des Celeste-Kunstpreises 2008 zu sehen. Das Konzept entstand 2004 in Italien. Als „Preis von Künstlern für Künstler“ bilden die Aussteller selbst die Jury und wählen die zwei Preisträger aus. Sie entschieden sich neben Stefanie Klingemann für Maya Zack. Ihr Kurzfilm faszinierte.

Patzenhofer Brauerei, Landsberger Allee 54, bis So 27. 4., Di-So 15-19 Uhr, Eintritt frei

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