Mein KUNSTSTÜCK : Mitleid mit Möbeln

Nicola Kuhn entdeckt das Seelenleben alter Stühle

Nicola Kuhn

640 Galerien soll es in Berlin mittlerweile geben, beinahe wöchentlich eröffnet eine weitere. Neuzugänge können es da schon schwer haben, wenn sie nicht gerade die Dependance auswärtiger Großkaliber sind oder finanzstarke Partner im Hintergrund haben. Umso wichtiger ist deshalb neben der richtigen Adresse der Erstauftritt. Die kleine, feine Galerie Circus hat da einen vielversprechenden Start hingelegt: in charmanten Hinterhofräumen zwischen Kfz-Werkstätten und Reparaturbetrieben mit einer großartigen Installation der jungen Kanadierin Adrienne Spier.

Wer bislang vom geheimen Seelenleben altgedienter Möbelstücke noch nichts wusste, der lernt es hier kennen. Die aus Toronto stammende Bildhauerin zerlegt Tische, Stühle, Sekretäre und fügt sie mit Drähten wieder zusammen, so dass sie sich per Flaschenzug auf und nieder bewegen lassen. Das sieht so gespenstisch, ja animistisch aus, dass sich die Besucher kaum trauen, die Gegengewichte zu bedienen. Unwanted, Broken and Useless hat Adrienne Spier ihr Ensemble genannt, das von Mitgefühl für ausrangiertes Mobiliar zeugt. Zugleich symbolisiert es aufs Schönste die Fragilität einer Galerieneugründung.

Circus, Obentrautstr. 21,

bis Sa 24. 5., Mi-Sa 11-18 Uhr

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