Zeitung Heute : Mein Lieblingstier (3) - Der Sittich (Glosse)

Malte Lehming

Nichts mögen die Deutschen in ihrem TV-Programm lieber als wilde Tiger, quiekende Delfine oder ein kuscheliges australisches Hängebauchschwein. Der TAGESSPIEGEL begrüßt die Inflation von Tiersendungen: In einer kleinen Serie erzählen wir von unseren Favoriten.

Es war die Zeit des Waldsterbens und des Atomkriegs. Die Menschen plagten ziemlich düstere Visionen. In dieser Zeit lief jeden Abend die Trill-Werbung. Darin saß ein bläulicher Wellensittich in seinem Käfig, guckte nach links, guckte nach rechts und trillerte ein bißchen. Dann pries eine Stimme dessen Futter: "Trill - mit Jod-S-11-Körnchen". Der Wellensittich stand für das Gute im Menschen, für die Hoffnung, daß es trotz Pershing und SS-20 eine Zukunft gibt. Aber wofür standen die Jod-S-11-Körnchen?

Bald war klar: Der Wellensittich ist das einzige Tier, das den Atomkrieg überlebt. Am "Tag danach", wie ein damals erfolgreicher Film über den nuklearen Weltuntergang hieß, wird dieser kleine, bläuliche Wellensittich wieder nach links und rechts gucken und ein bißchen trillern. Einfach so. Als sei nichts geschehen. Denn Jod war zu der Zeit gewissermaßen in aller Munde. Wenn man genügend Jod zu sich nimmt, sobald auf die Nachbarstadt eine Atombombe gefallen ist, hieß es, kann einem eigentlich nichts passieren. Und dann sah man jeden Abend diesen Wellensittich, der mit dem Zeug geradezu vollgepumpt wurde. Im Kalten Krieg gehörten die Jod-S-11-Körnchen zur Vogel-Nahrung wie heute Red Bull zum Frühstück aller Techno-Fans.

Insofern verkörperte der Wellensittich beides: die Angst vor den Raketen wie die Zuversicht, daß das Leben irgendwie weitergehen würde. Die weißen Tauben, die man damals auf Bettlaken malte, wirkten weniger überzeugend. Die Trill-Werbung mit den Jod-S-11-Körnchen lief übrigens bis zum Jahr 1989. Dann wurde sie eingestellt. Der Jod-Sittich hatte seine Schuldigkeit getan.

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