Zeitung Heute : Mein neuer Sinn fürs Praktische

UNSERE KLEINE FAMILIE

Tanja Stelzer

UNSERE KLEINE FAMILIE

Als ich mir zum letzten Mal vor Noahs Geburt die Haare schneiden ließ, fragte mein Friseur mich wie üblich: Und, was machen wir heute? Ich antwortete: was Praktisches. Mein Friseur, der zuletzt in zwei jeweils fünfstündigen Sitzungen schätzungsweise 23 verschiedene Hochzeits-Stylings an mir ausprobiert hatte (und am Ende bei der ersten Version landete, die sich von meiner ursprünglichen Frisur nur unwesentlich unterschied), mein Friseur also guckte, als wollte er sagen: „Du auch?!“

Er kennt mich ein bisschen und weiß, dass ich kein besonders praktischer Mensch bin. Ich besitze Teekannen, die zwar gut aussehen, aber regelmäßig Hochwasserkatastrophen im Wohnzimmer auslösen, wenn man sich eine Tasse vollschenken will. Ich besitze eine Sammlung von Schuhen, in denen ich nicht laufen kann. Ich besitze keinen Regenschirm; hätte ich einen, würde ich ihn nur bei Sonnenschein finden.

Doch seit ich Mutter bin, habe ich einen Sinn fürs Praktische entwickelt. Ich kaufe nur noch Schuhe zum Reinschlüpfen, mein bevorzugtes Getränk ist Leitungswasser, im Stehen neben dem Wasserhahn getrunken, und wenn Noah mit seinen flinken Händen in den Karottenbrei langt und ich kein Tuch zur Hand habe, schlecke ich die Kinderhand in einem unbeobachteten Moment kurzerhand ab. Wir Mütter haben nie Zeit, deshalb machen wir grundsätzlich fünf Dinge gleichzeitig. Wir können auf dem einen Arm ein Kind schaukeln, während wir mit der anderen Hand Kartoffelpüree stampfen. Wir können mit unserer Freundin telefonieren, dabei das Kind wickeln und eine SMS an die Redaktion schicken. Wir Mütter sind: patent.

Patent, das klingt nach Kittelschürze und Kartoffelsalat. Patent wollte ich nie sein; patent ist das Gegenteil von sexy und von MTV. Wenn das Accessoire des Berlin-Mitte-Girls das Zickentäschchen mit rosa Paillettenbesatz ist, dann ist das Accessoire der patenten Frau die Tupperdose (ordentlich deutsch ausgesprochen, natürlich, nicht „Tapperdose“).

Beim Wort „patent“ dachte ich früher an junge Mütter in selbst gestrickten Pullovern, die ihre Zeit mit roten, blauen und gelben Tupperdosen jonglierend auf dem Spielplatz verbrachten. Aus ihren Dosen holten sie in meiner Vorstellung alle paar Minuten einen Keks hervor, der sich in Sekundenschnelle in eine klebrige Kindermund-Panade verwandelte. Das Hantieren mit den bunten Dosen schien die einzige Unterbrechung der mütterlichen Unterhaltungen über die neuen Windeln mit den extraelastischen Bündchen zu sein. Ich hatte eine Heidenangst vor Tupperdosen.

Keine Ahnung, woher ich meine Visionen hatte, einen Spielplatz habe ich jedenfalls zum letzten Mal besucht, als ich heimlich meine erste Zigarette rauchte. Den Spielplatz in unserer Nähe habe ich auch nach Noahs Geburt nur in gebührendem Abstand mit dem Kinderwagen umkreist, aber langsam werden die Kreise kleiner, und aus der Ferne habe ich schon ein paar Blicke auf den Sandkasten riskiert. Die Mütter, die drumherum sitzen, sehen gar nicht so anders aus als ich. Nun frage ich mich, ob das ein erschreckendes oder ein beruhigendes Ergebnis ist.

Heute war ich in der Drogerie, Windeln kaufen. Auf der Stirnseite des Regals, verführerisch in Mütter-Augenhöhe angebracht wie die Kaugummis an der Kasse in Kinder-Augenhöhe, gab es eine Auswahl verschiedener Lunchboxes. So heißt die neue Generation der Tupperdosen. Die Sendung-mit-der-Maus-Dose fand ich richtig süß. Und „Lunchbox“ klingt auch gar nicht mehr so schlimm, oder?

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